September/Oktober 2026: Iran, Türkei, Meinungsfreiheit, Demokratie
Zum Hinrichtung von Erfan Mirzaei und zum Iran-Abend auf dem ilb

Berliner Zeitung, Bericht von Ben Bruinier, 9. September 2026: »Ein junger Musiker aus dem Iran ist tot. Opfer des eigenen Staates. Erfan Mirzaei, 21 Jahre alt und als Rapper bekannt, wurde in iranischer Haft gefoltert und schließlich möglicherweise hingerichtet. Festgenommen wurde er ursprünglich im Zusammenhang mit den Protesten gegen das Regime am Jahresanfang. Offen bleibt bislang, ob eine Hinrichtung oder die Folter zu seinem Tod führte. Abend der Solidarität Diesen Freitagabend nimmt die Schriftstellervereinigung PEN Berlin den Vorfall zum Anlass, ab 19.30 Uhr einen ›Abend für den Iran‹ im Haus der Berliner Festspiele zu veranstalten. Der Abend soll dazu dienen, Mirzaei zu gedenken, aber auch diejenigen zu würdigen, die dem iranischen Regime immer noch die Stirn bieten. Es ist eine Kooperation mit dem Internationalen Literaturfestival Berlin. Der Fokus liegt an dem Abend außerdem auf Literatur aus dem Iran.« LINK [€] und PDF

radio 3 [rbb], radio3 am Morgen, Gespräch von Massimo Maio mit Daniela Sepehri, 10. September 2026: »Die Proteste im Januar waren die größten seit Bestehen der Islamischen Republik Iran und haben das Regime wirklich mit dem Rücken zur Wand gestellt. Und jetzt versucht es, durch solche brutalen Massaker in den Gefängnissen die Bevölkerung abzuschrecken. Dementsprechend macht es keinen Hehl aus der Gewalt und – weil das Regime weiß, dass es international keinerlei Konsequenzen befürchten muss, weil alle gerade lieber mit dem Krieg sich beschäftigen. (…) Wann der Bundeskanzler sich das letzte Mal zur Menschenrechtslage geäußert hat, weiß ich gar nicht. Das war, glaube ich, Anfang Januar bei den Protesten, wo er festgestellt hat, dass wir gerade die letzten Stunden des Regimes sind. Und dann hat er scheinbar wieder vergessen, dass es eine Zivilbevölkerung im Iran gibt.« LINK und AUDIO
3Sat Kulturzeit, Bericht von Jonathan Boese, 14. September 2026: »Dass seine Inhaftierungen auch in westlichen Medien aufgegriffen wurden, habe ihn gerettet, sagt Berhard Alikunari. Auch deshalb lenkt PEN Berlin an diesem Abend den Blick auf inhaftierte oder bereits hingerichtete Autorinnen und Autoren (…) Für viele Exil-Iranerinnen und Iraner hier in Deutschland wird dieser Abend zu einem Moment der Gemeinschaft, getragen vom gemeinsamen Ruf Frau, Leben, Freiheit. So auch für Shida Bazyar: ›Ich fühle so eine Art von Erleichterung, dass ich nicht alleine bin mit dem Thema und dass das Thema Aufmerksamkeit bekommt. Weil ich glaube, dass viele Menschen Iran vergessen haben oder die Menschen dort vergessen haben.‹ Und so mahnt dieser Abend für den Iran nicht wegzusehen. Denn Behrad Alikonari weiß aus eigener Erfahrung: Aufmerksamkeit kann Leben retten.« LINK und VIDEO
Deniz Yücel und Thea Dorn zum Thema Meinungsfreiheit
ARD, »Schicksalsmomente der Republik – wie ein Gericht das Land verändert hat«, Dokumentarfilm von Tim Evers und Kolja Schwartz, 14. September 2026: [Deniz Yücel:] »Das ist ein ganz wegweisendes Urteil des Bundesverfassungsgerichts, weil es sagt: Für die Meinungsäußerung ist es unerheblich, ob sie rational oder emotional ist, ob sie von anderen als wertvoll oder wertlos erachtet wird. Es ist auch unerheblich, ob sie einen Teil der Bevölkerung als verletzend empfindet oder als schockierend. Die Meinungsfreiheit gilt auch dann, wenn es wehtut, besonders dann. Die Meinungsfreiheit gilt – ein bisschen derb ausgedrückt – auch für Scheiß- und Quatschmeinungen. (…) Das Problem finde ich, dass in Deutschland diese Frage nach den Grenzen viel zu schnell kommt und dass diese Grenzen leider in den letzten Jahren enger gezogen werden.« LINK und VIDEO (AUSSCHNITT)

BDZV, Interview von Andrea Gourd mit Thea Dorn, übernommen u.a. von der Rheinischen Post, 15. September 2026: »In der ersten Demokratie der Welt, im antiken Athen, galten zwei fundamentale Prinzipien für den politischen Diskurs: Isegorie und Parrhesie. Jeder Bürger hatte das Recht, in gleicher Weise von seiner Meinungsfreiheit Gebrauch zu machen, ohne befürchten zu müssen, dafür niedergemacht zu werden. Daran sollten wir uns auch heute orientieren. Woran wir uns ebenfalls orientieren sollten: In Athen ging man da-von aus, dass jeder Bullshit eine Meinung sein kann. Dennoch hütete man sich als Bürger und Politiker davor, Bullshit zu verbreiten – nicht, weil es als moralisch verwerflich gegolten hätte oder verboten gewesen wäre. Man hütete sich, weil man nicht als Trottel dastehen wollte.« LINK und PDF
Zur Repression gegen LGBTQ-Aktivist:innen in der Türkei

DLF Kultur, Fazit, Gespräch von Britta Bürger mit Ozan Zakariya Keskinkılıç, 18. September 2026: »[Bürger:] ›Es gibt jetzt Solidaritätsaufrufe von PEN Berlin, auch dessen Social-Media-Kanäle wurden in der Türkei gesperrt. Auch die des in Berlin lebenden Schriftstellers Barbaros Altuğ. (…) Er sagt, die türkischen Behörden, hätten sich jahrelang darauf vorbereitet. Warum wird gerade jetzt so hart durchgegriffen?‹ – [Keskinkılıç:] ›Es gibt immer wieder Versuche zu sehen, wie weit kann eine Regierungspolitik gehen. (…) Es sind Vorbereitungen, aber es sind auch Testphasen. Es gibt immer mal wieder Versuche, Gesetzesentwürfe durchzupreschen, die Homosexualität kriminalisieren. Das ist noch nicht der Fall gewesen, aber bis dahin muss man nicht warten und deswegen finde ich, ist es eine ernstzunehmende Lage. Es ist eine Lage, die sehr große Angst macht.‹« LINK und AUDIO
Zu den Exil- und Demokratiediskussionen im Literaturhaus Berlin

Berliner Zeitung, Bericht von Cornelia Geißler, 27. September 2026: »Am Abend geht es dann gemeinsam mit dem PEN Berlin und vier Exilautor:innen um die Frage ›Wie viel Mut ist zumutbar?‹ – hier in Deutschland gibt es ja schnell Zeter und Mordio, wer angeblich was alles nicht mehr sagen darf. Tatsache ist, dass es immer noch paradiesische Zustände sind im Vergleich zu Serbien, Südsudan, Russland und der Türkei, den Herkunftsländern unserer Gäste auf dem Podium. Im Anschluss probieren wir unter dem Titel ›Wehret den Wählern‹ das Format Saalschlacht aus, das heißt, dass Podium und Publikum aktiv miteinander diskutieren und streiten sollen – auf dass rhetorisch (und wohlgemerkt: ausschließlich rhetorisch) die Fetzen fliegen! Das wollen wir (wieder) lernen, auch und gerade, um dann im Anschluss ein Glas miteinander zu trinken.« LINK
Zum PEN-Berlin-Programm auf der Frankfurter Buchmesse

Frankfurter Rundschau, Bericht von Sandra Busch, 7. Oktober 2026: »›Demokratie verteidigen, aber wie?‹, lautet die Frage, über die Christina Morina mit der amerikanischen Historikerin und Pulitzer-Preisträgerin Jill Lepore diskutiert. Moderiert wird das Gespräch von PEN-Berlin-Sprecherin Thea Dorn. Morina lehrt an der Universität Bielefeld, Lepore in Harvard. Die Antworten fallen auch deshalb ein wenig unterschiedlich aus, weil beide Länder andere Erfahrungen mit Demokratie gemacht haben. Die deutsche Debatte ist von der Erfahrung des Nationalsozialismus geprägt. (…) Deshalb, sagt Morina, klammere sich die deutsche Diskussion stark an ihre institutionellen Leitplanken: Verfassungsgericht, Parteiverbot, wehrhafte Demokratie. Ein Instrument wie das deutsche Parteiverbot gebe es in den USA nicht. Dafür reicht dort die Erfahrung mit demokratischer Selbstorganisation weiter zurück.« LINK

Tagesschau.de, Bericht von Sonja Fouraté, 7. Oktober 2026: »Demokratie unter Beschuss – dieses Thema zog sich durch viele Buchmesse-Veranstaltungen. Zum Auftakt der politischen Diskussionen auf der neuen ›Dialogue Stage‹ waren sich die Historikerinnen Christina Morina und Jill Lepore einig, dass die Demokratien in Deutschland und den USA gleichermaßen unter starkem Druck stehen. Einer der Gründe sei die Unzufriedenheit der Bevölkerung darüber, dass Versprechen ebenjener Demokratien etwa auf ein besseres Leben nicht (mehr) eingehalten würden. (…) In Deutschland sei eine gewisse Panik zu beobachten, auch eine gewisse Paralyse, urteilte Morina. In den USA würden weiter Wege gesucht, zu diskutieren, zu protestieren und politische Verantwortliche in die Pflicht zu nehmen. Doch auch in den USA nehme die Furcht vor Repressionen zu, entgegnete Lepore: Ihre Studierenden würden aus Angst vor Überwachung nicht mehr auf die Straße gehen.« LINK


Das Parlament, Bericht von Susanne Ködel, 9. Oktober 2026: »In Gang E hat sich eine Menschentraube gebildet. Immer mehr Besucher der Frankfurter Buchmesse sammeln sich an diesem Donnerstag an dem unscheinbaren Stand der Schriftstellervereinigung PEN Berlin. Auf der wenige Quadratmeter großen Fläche steht ein Tisch, darum sitzen drei Menschen: Deniz Yücel spricht mit der Schriftstellerin Radka Denemarková und dem Schriftsteller Jaroslav Rudis über Literatur und Tschechien. Die beiden Autoren zählen zu den bedeutendsten zeitgenössischen Autoren des diesjährigen Gastlandes. Gerade jetzt wird in Tschechien heftig über die Kulturpolitik der Regierung gestritten. Deutlich wurde das bei der Eröffnung der diesjährigen Buchmesse am Dienstag. Die Rede des tschechischen Kulturministers Oto Klempír wurde begleitet von Pfiffen und Buhrufen – aus der tschechischen Delegation. (…) ›Die Staatsminister, die die Kultur vernichten, kommen und gehen – aber die Literatur bleibt‹, begann die Schriftstellerin ihre Eröffnungsrede. (…) Zwei Tage später zitiert Yücel in der Diskussionsrunde aus dieser Rede, nennt sie beeindruckend. Jeder Stuhl ist belegt, noch mehr Menschen drängen sich im Gang. Gerechnet hatten die Programmplaner offenbar mit weniger Andrang – aber das war vor besagter Rede. Bei vielen Veranstaltungen auf der Buchmesse herrscht ein reges Kommen und Gehen. Hier nicht. Wenn Denemarková spricht, lauschen alle gebannt.« LINK

nd.Aktuell, Bericht von Christof Meueler, 12. Oktober 2026: »Die AfD siegt auf dem Land, nicht in der Stadt, heißt es. ›Das deutsche Dorf klingt für mich wie Kneipe, in die ich nicht gehen will‹, sagte Shida Bazyar auf einer Veranstaltung von PEN Berlin über ›Das deutsche Dorf‹ auf der Buchmesse, auf der sie mit Eva Menasse diskutierte. (…) Bei der Eröffnungsveranstaltung der Buchmesse hielt Radka Denemarková eine Rede für das diesjährige Gastland Tschechien. Sie sei es leid, zu hören, dass man Politik und Literatur trennen solle. Denn: ›Alles ist Politik. Die Frage von heute ist ganz einfach: offene Demokratie oder geschlossene Gesellschaft?‹ (…) Am Stand von PEN Berlin blickte Denemarková zwei Tage später auf diese Rede zurück und meinte, sie habe sie für Menschen gehalten, ›die noch Herz und Seele haben‹, denn sie sei es leid, dass sie sich stets dafür entschuldigen müsse, dass ›ich die Fakten will und nicht die Lüge‹. Um noch einmal auf die Kraft der Literatur zurückzukommen: ›Literatur kann alles, aber gleichzeitig auch nichts‹, sagte Bazyar, und Menasse ergänzte: ›Literatur muss gar nichts, nur funktionieren.‹« LINK