Februar 2026 (Berlinale, Heimat-Reihe)
Zur Diskussion um die Berlinale

Frankfurter Rundschau, Beitrag von Michael Hesse, 26. Februar 2026: »Der in New York lebende deutsche Schriftsteller Daniel Kehlmann zieht einen drastischen Vergleich zur Hausdurchsuchung bei Heinrich Böll im Jahr 1972. Kehlmann warnte laut PEN Berlin davor, dass die Entlassung von Tricia Tuttle aufgrund von Äußerungen der Preisträger die ›größte Katastrophe der deutschen Kulturpolitik‹ seit der Böll-Affäre wäre. (…) Auch die Schriftstellerorganisation PEN Berlin selbst äußerte sich kritisch. (…) Zugleich bedauerte die Organisation eine verpasste Gelegenheit: ›Eine prominente palästinensische Stimme hätte sich für eine friedliche Koexistenz von Israelis und Palästinensern, für Mäßigung und Austausch sowie gegen Terrorismus und Antisemitismus äußern können.‹« LINK

DLF Kultur, Gespräch von Miriam Zeh mit Daniel Kehlmann, 27. Februar 2026: »Ich bin vor eineinhalb Jahren nach New York gezogen. (…) Ich treffe hier ständig jüdische Intellektuelle, die entsetzt sind über Israels Kriegsverbrechen und die Begriffe wie Ethnic Cleansing oder Genozid verwenden. Diese Begriffe kann man diskutieren. Das geschieht ja auch tatsächlich vor Gericht; vor dem International Court of Justice wird der Vorwurf des Genozid ja diskutiert. Aber der Umstand, dass solche Begriffe von jüdischen Intellektuellen (…) ständig verwendet werden und in Deutschland, wenn so ein Begriff fällt, ein Minister aufstehen und den Saal verlassen muss – ich weiß nicht. Vielleicht muss er auch, wenn er mich jetzt zufällig gehört hat, das Radio abschalten.« LINK und AUDIO

Deutschlandfunk, Gespräch von Tobias Armbrüster mit Deniz Yücel, 27. Februar 2027: »Die Leiterin eines Festivals soll abberufen werden, wegen etwas, was jemand anderes gesagt hat. Das wäre aberwitzig gewesen, und ich bin froh, dass diese Entscheidung nicht getroffen wurde. (…) Wir haben uns gegen die Ausladung des israelischen Dirigenten Lahav Shani ausgesprochen, gegen die Ausladung von Susanne Dagen von einem Philosophiefestival in Rheinland-Pfalz protestiert und gegen die Ausladung des Rappers Chefket. Und als Michael Friedman in Klütz auf Druck dortigen Bürgermeisters ausgeladen wurde, haben wir eine ganze Kundgebung veranstaltet. Wir versuchen immer dieselben Standards an Kunst-, Meinungs- und Pressefreiheit anzulegen. Das ist anders als Teilzeitliberale, die immer dann für Meinungsfreiheit sind, wenn es ihnen gerade in den Kram passt.« LINK und AUDIO
Deutschlandfunk, Bericht, 28. Februar 2026: »Der Publizist und Sprecher der Schriftstellervereinigung PEN Berlin, Deniz Yücel, sprach im Deutschlandfunk, von einem ‹abgewendeten Desaster‹. Festivalleiterin Tuttle steht in der Kritik, weil es während des Filmfestivals zu politischen Bekundungen zum Nahostkonflikt gekommen war, die teilweise als antiisraelisch aufgefasst wurden. Yücel sagte weiter, eine Abberufung wegen Äußerungen Dritter hätte er als skandalös empfunden.« LINK
Welt, Kommentar von Jacques Schuster, 28. Februar 2026: »Macht es die Worte harmloser, weil sie einer sprach, der dem Zeitgeist frönt und in linker Attitüde den Zionismus attackiert, in dem angeblich nichts anderes als Kolonialgebaren und Völkermordgelüste stecken? Offenbar glauben es zumindest viele Künstler und der PEN Berlin, die Vereinigung der Schriftsteller und Publizisten, welche die Worte des Palästinensers als ›Ausdruck der Verbitterung‹ werten wollen und auf die Meinungsfreiheit pochen. Ja, die geistige Akustik dieser Zeit ist der Antizionismus. Doch was die meisten nicht wahrhaben wollen und viele nicht mehr stört, ist: Antizionismus ist der gerechtfertigte Antisemitismus.« LINK
Berliner Zeitung, Beitrag von Ulrich Seidler, 1. März 2026. »In der Debatte um die Zukunft von Tricia Tuttle als Berlinale-Chefin meldet sich nun der Kulturstaatsminister selbst in einem Interview zu Wort. Anders als es die viel diskutierte von der Bild-Zeitung verbreitete Nachricht nahelegte, war es in der Darstellung von Wolfram Weimer Tricia Tuttle selbst, die ihre Zukunft bei dem internationalen Filmfestival infrage stellte. (…) Mit der Einberufung einer Sondersitzung des KBB-Aufsichtsrates, dem Weimer vorsitzt, verbreitete sich das Gerücht, dass er Tuttle absetzen wolle. Eine Protestwelle von Filmschaffenden, Akademien und PEN Berlin folgte, die befürchtete Entscheidung fiel nicht.« LINK [€]
Zur Heimat-Gesprächsreihe »Ist das noch|schon mein Land?«
Fränkische Nachrichten, Bericht von Linda Hener aus Bad Mergentheim, 18. Februar 2026. »›Was hat sich in der Welt verändert? Das Ortsleben, das einmal vertraut war, das man von früher kennt, versteht man nicht mehr – die Heimat zerrinnt von innen‹, stellt Fritz Kuhn (…) im Austausch mit dem Publikum fest. (…) Begonnen hatte der Abend mit einem Frage-Spiel. Aron Boks (…) bittet das Publikum bei Fragen wie ›Für wen ist Baden-Württemberg Heimat?‹, ›Wer hat eine zweite Heimat?‹ oder ›Wer sorgt sich um die Demokratie?‹ um Handzeichen. Hände gehen hoch – mal zögerlich, dann wieder schnell und entschieden. Mal folgt ein Lachen im Saal, dann Verwunderung. Es ist spürbar: Das Publikum mit mehr als 220 Interessierten ist gespannt auf die Veranstaltung im Evangelischen Gemeindezentrum in Bad Mergentheim.« LINK
Pforzheimer Zeitung, Interview von Katharina Lindt mit Deniz Yücel, 18. Februar 2026. »Politik sollte weniger reden und mehr gestalten. Ich erwarte von der Politik, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass wir nicht ein viertes Jahr in Folge eine Rezession erleben. Wenn die Politik ihre Hausaufgaben besser machen würde, die Wirtschaft dann läuft, die Gesundheitsversorgung funktioniert und öffentliche Infrastruktur verlässlich ist, wäre das ein größerer Beitrag dazu, dass sich die Leute in ihrer Heimat wieder heimelig fühlen. Politiker können über Heimat sinnieren, wenn sie in den Ruhestand gegangen sind, aber nicht vorher.« LINK [€]
Badische Zeitung, Bericht von Katharina Kubon aus Lörrach, 17. Februar 2026. »Das Narrenschiff Annerösli hatte beim Lörracher Umzug wie immer prominente Gäste an Bord: Neben Oberbürgermeister, Pfarrer und anderen war da in diesem Jahr allerdings jemand, den hatte vermutlich keiner auf dem Schirm. Unter gelb, rot und grün gestreifter Pudelmütze und dazu farblich passenden Handschuhen und Schal steckte kein Geringerer als der Journalist und Publizist Deniz Yücel. (…) Zustande gekommen ist dieser Besuch durch die Verbindung zur Narrengilde. Die hat die Veranstaltung ›Hallo Lörrach, reden wir über Heimat‹ von PEN Berlin, die Anfang des Monats in Lörrach Halt gemacht hatte, unterstützt.« LINK [€]
Badische Zeitung, Bericht von Jürgen Reuß aus Freiburg, 15. Februar 2026. »Erst als Lühmann den Brandenburger Kiefernduft ins Spiel brachte, konnten alle heimatliche Assoziationen beisteuern. Ist Heimat vor allem Sinnlichkeit? Der Duft von Kartoffelfeldern oder Wurstspezialitäten? ›Dass ich Rügenwalder Teewurst liebe, heißt nicht, dass ich meinen Sohn dafür in den Krieg schicken würde‹, hielt eine Publikumsstimme zur Frage der Verteidigungsfähig- und -willigkeit dagegen. Und was ist mit dem als Kind nach Deutschland gekommenen Staatsbürger, der nach 40-jährigem Bemühen in die Runde fragt: ›Wie lange soll ich mich denn noch integrieren?‹« LINK [€]
Schwarzwälder Bote, Interview von Roland Stöß mit Florian Fuchs, Vorsitzender des Kleinkunstvereins Kleine Bühne, 10. Februar 2026: »Wenn PEN Berlin, also die wichtigste Schriftstellervereinigung im Land, bei uns anfragt, ob wir eine Podiumsdiskussion zum Thema Heimat – Integration – Demokratie abhalten wollen, dann sagen wir natürlich nicht nein. Wir, das ist die Kleine Bühne Calw e. V. und unser Kooperationspartner VHS, sind unheimlich stolz, dass der PEN Berlin, insbesondere Deniz Yücel, gerade bei uns nachgefragt haben.« LINK

3sat, Kulturzeit, Beitrag von Dorothea Dörner, 3. Februar 2026. In Lörrach diskutierten im Rahmen der PEN-Berlin-Gesprächsreihe »Ist das noch|schon mein Land?« die Journalistinnen Julia Ruhs (Bayerischer Rundfunk) und Doris Akrap (taz) mit Moderator Matthias Zeller. Julia Ruhs glaubt, dass viele Menschen »Angst haben, dass sie ihre Kultur verlieren«. Doris Akrap: »Als Kind dachte ich, Heimat ist da, wo Heidi wohnt«. PEN-Berlin-Sprecher Deniz Yücel über die Reihe: »Zum einen ist Heimat natürlich in Deutschland, wie so vieles andere auch, historisch nicht unbelastet. Aber es ist ein Begriff, den man auch positiv wenden kann. (…) Heimat bedeutet Sicherheit.« LINK
Rhein-Neckar-Zeitung, Bericht von Ingrid Thoms-Hoffmann, 29. Januar 2026. »Die politische Diskussion geriet in Gefahr, aus dem Ruder zu laufen. Wo blieb die Heimat? Erst als sich das Auditorium, leicht verärgert ob der politischen Abschweifungen, einmischte, kehrten die Diskutanten auf dem Podium zum eigentlichen Diskussionspunkt zurück. Dabei kamen gerade aus der Mitte des Publikums nachdenkenswerte Vorschläge. ›Wir müssen Begriffe wie Integration neu denken‹, mahnte eine ältere Dame. Sollen fremde Menschen hier eine Heimat finden, sollten wir uns fragen, wie wir mit zwei Kulturen umgehen. ›Wir müssen bereit sein, den Zwiespalt bei uns auszuhalten‹, forderte sie ein. Ein anderer Zuhörer bekannte: ›Deutschland war nie mein Land, weil es keine Durchlässigkeit der gesellschaftlich abgegrenzten Schichten gibt.‹ Klaus Welzel griff den Aspekt auf und ergänzte mit der Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann: ›Das Ich muss seinen Platz im Wir finden.‹« LINK [€]
Badische Zeitung, Bericht von Alexandra Günzschel aus Lörrach, 2. Februar 2026. »›Heimat‹ ist für Ruhs immer jener Ort, wo die Menschen leben, mit denen sie sich wohlfühlt. Ein wenig wohler als in Norddeutschland fühle sie sich in Österreich, ergänzte sie nach kurzem Nachdenken, dies sei eine Mentalitätsfrage. Für Akrap blieb der Heimatbegriff lange Zeit abstrakt, wie sie erklärte. Dabei habe sie aber eher an Heidi gedacht, als an irgendetwas, was mit ihr selbst zu tun habe. Mit dem physischen Abstand zum Geburtsort habe sich das allmählich geändert. Und dann gebe es da noch dieses Haus am Meer in Kroatien, den Geruch nach Hundepisse, heißem Teer, Kiefern und Salz in der Luft, der bei ihr Heimatgefühle wecke.« LINK [€]
Badische Zeitung, Bericht von Juliana Eiland-Jung aus Offenburg, 2. Februar 2026. »Zaimoglu insistierte auf Individualität, blieb aber skeptisch gegenüber wohlklingenden Worten wie Heimat, nannte ›Identität‹ eine ›langweilige Sache‹, bei der man ›schnell beim Stammesdenken‹ lande, und kritisierte die Kategorisierung ›Migrationshintergrund‹ als inhaltsleer. Dennoch könne er begeistert sagen: ›Deutschland ist mein Land‹. (…) Viele der Anwesenden besorgte weniger die Migration, als der erstarkende Rechtsextremismus. Aus dem Publikum wurde die AfD als ›Symptom, und nicht als Krankheit‹ bezeichnet.« LINK [€]