Mai 2026: Heimatreihe, Kunstfreiheit, Arne Semsrott
Zur Ausladung von Arne Semsrott in Magdeburg
dpa, Bericht von Torsten Holtz, übernommen u.a. von Zeit-Online, 20. Mai 2026: »Die Schriftstellervereinigung PEN Berlin und die Linke im Landtag von Sachsen-Anhalt kritisieren die Absage einer geplanten Lesung des Autors und Aktivisten Arne Semsrott in der Magdeburger Stadtbibliothek. ›Das ist ein Akt von Feigheit‹, sagte PEN-Berlin-Sprecher Deniz Yücel. Eva von Angern, die Fraktionschefin der Linken im Magdeburger Landtag, sprach von einer ›politischen Bankrotterklärung‹ der Stadtverwaltung. Semsrott, der das Transparenzportal FragDenStaat betreibt, sollte am 5. Juni in der Stadtbibliothek in Magdeburg aus seinem jüngsten Buch vorlesen. Die Bücherei habe ihn jedoch »nach politischem Druck« ausgeladen, schrieb er auf der Plattform Bluesky.« LINK
epd, Bericht, übernommen u.a. von Evangelisch.de, 20. Mai 2026: »Yücel betonte, es werfe kein gutes Licht auf die Stadt Magdeburg, ›wenn die politisch Verantwortlichen aus Angst vor der AfD quasi die Kulturpolitik der AfD übernehmen‹. PEN Berlin erinnerte daran, dass bereits ein Auftritt Semsrott Anfang des Jahres im Literaturhaus Magdeburg zu Protesten der AfD geführt habe.« LINK
DLF Kultur, Fazit, Gespräch von Charlotte Oelschlegel mit Arne Semsrott, 21. Mai 2026: »[Oelschlegel:] ›Die Schriftstellervereinigung PEN Berlin hat den Vorgang als Ausladung Semsrotts bezeichnet. Ja, was ist da los? Darüber habe ich vor der Sendung mit Arne Semsrott selbst gesprochen und ihn zuallererst gefragt, wie er das selbst wahrgenommen hat: Als eine Ausladung oder eine Verlegung?‹ − [Semsrott:] ›Das ist eine Ausladung, also dass diese Veranstaltung trotzdem stattfinden kann, aber in einem privaten Kulturort, dafür kann die Stadt überhaupt nichts. Hier ging es nämlich grundsätzlich darum, ob in einem öffentlich zugänglichen Ort für alle, von allen finanziert, nämlich in einer Stadtbibliothek gelesen werden kann. Und da hat die Stadtverwaltung gesagt, nee, das lassen sie nicht zu. Das heißt, das ist eine sehr klare Ausladung, dass wir es jetzt woanders machen.‹« LINK und AUDIO
Frankfurter Allgemeine, Bericht von Oliver Weber, 21. Mai 2026: »Nachdem der Aktivist und Autor Arne Semsrott bekannt gegeben hatte, dass seine Lesung in der Stadtbibliothek Magdeburg abgesagt wurde, hat sich nun auch die in die Kritik geratene Oberbürgermeisterin Simone Borris (parteilos) geäußert. In einer öffentlichen Stadtratssitzung am Donnerstagnachmittag sagte sie, es habe keine Entscheidung oder Weisung ihrerseits gegeben, die Veranstaltung abzusagen. (…) Zuvor hatten die Fraktion Die Linke im Landtag von Sachsen-Anhalt und die Schriftstellervereinigung PEN Berlin Protest eingelegt. Es handle sich um einen ›Akt von Feigheit‹, sagte PEN-Berlin-Sprecher Deniz Yücel.« LINK [€]
Saarländischer Rundfunk, SR Kultur, Gespräch von Gabi Szarvas mit Deniz Yücel, 21. Mai 2026: »Wir hatten das in den letzten Jahren, vor allem nach dem 7. Oktober, immer wieder im Zusammenhang mit Gaza, Nahost, Israel: dass eine Veranstaltung abgesagt oder ein eingeladener Redner abgesagt wurde, weil pro-palästinensische Aktivisten Druck gemacht haben. Oder bei Omri Boehm, auch unser Mitglied. Der israelische Philosoph wurde vor der Gedenkfeier in Buchenwald ausgeladen, weil sich der israelische Botschafter dagegen ausgesprochen hatte. Und das ist das Gemeinsame bei fast allen solchen Fällen von Ausladungen: dass eine Einrichtung jemanden eingeladen hat, einem Druck von außen nicht standhält und dann einknickt. Und deswegen ist quasi der rationale Kern, der Kern von dem, was wir unter Cancel Culture verstehen, in fast allen Fällen die Feigheit von Institutionen.« AUDIO
radio 3 [rbb], radio3 am Nachmittag, Bericht von Sandra Meyer, 22. Mai 2026: »Nachdem sich am Mittwoch auch der PEN Berlin kritisch zu dem Fall geäußert hatte, wurde das gestern im Magdeburger Stadtrat thematisiert. Dort hat Oberbürgermeisterin Simone Boris nach längerem Schweigen jetzt doch eine öffentliche Erklärung abgegeben: (…) ›Eine Entscheidung oder Weisung meinerseits, die Veranstaltung abzusagen, die Lesung zu untersagen oder die Kooperation der Stadtbibliothek zu beenden, hat es nicht gegeben. (…) Dass daraus im weiteren Verlauf gegenüber den Kooperationspartnern der Eindruck einer Absage oder eines Rückzugs der Stadtbibliothek entstanden ist, war nicht in meinem Sinne.‹ Verwaltungshandeln, das aber auch den Druck aus der Kulturszene erhöht. So sieht Annegret Laabs, die sich als Direktorin des Kunstmuseums für den Zusammenschluss der Kulturszene in Sachsen-Anhalt engagiert, den Fall Semsrott fast symbolisch für das immer noch fehlende Vertrauen der Verwaltung gegenüber der Kultur.« LINK und AUDIO
Freitag, Kommentar von Jörg Sundermeier, 22. Mai 2026: »›Grundsätzlich zeigt das die große Gefahr, dass es für rechtsextreme Politik noch nicht einmal eine Regierungsbeteiligung der AfD braucht‹, sagte Semsrot dazu der taz. Dementsprechend machte die Absage in dieser Woche überall Schlagzeilen und der PEN Berlin protestierte öffentlich. (…) Aber woher kommt die Idee eines Neutralitätsgebots für Buchvorstellungen? Selbstredend ist öffentlichen Einrichtungen untersagt, Wahlkampfhilfe zu leisten oder Wahlempfehlungen zu geben. Mit ihrem Beharren auf ein Neutralitätsgebot jedoch hat sich die AfD ein Werkzeug erschaffen, das viele Staatsdiener:innen verwirrt. Mit diesem vielseitig anwendbaren Werkzeug versucht die AfD, die selbst gern und hart austeilt, jede Kritik an sich und an ihrem Vorfeld zu unterbinden.« LINK [€]
DLF, Bericht, 30. Mai 2026: »In Magdeburg darf nun doch eine Lesung des Autors Arne Semsrott in der Stadtbibliothek stattfinden. (…) Der Journalist und Demokratie-Aktivist Semsrott hatte ursprünglich eine Lesung in der Stadtbibliothek Magdeburg aus seinem neuen Buch über die Macht der Zivilgesellschaft geplant. Dass er aus der Bibliothek wieder ausgeladen wurde, sorgte für eine Debatte über die Autonomie der Kultur in Sachsen-Anhalt. Magdeburgs Kulturausschuss, die Linke im Landtag Sachsen-Anhalt als auch die Schriftstellervereinigung PEN Berlin äußerten sich kritisch. LINK
ARD, titel thesen temperamente, Bericht von Petra Böhm, 7. Juni 2026: »Nicht das Nashorn, sondern der Elefant im Raum bleibt allerdings bestehen. Denn jedes Gesetz, jedes Statement zum Schutz der Kultur macht sich angreifbar, wenn es sich einseitig nur gegen Rechtspopulismus wehrt. [Deniz Yücel:] ›Wir sind der Auffassung, dass die Meinungsfreiheit, die Pressefreiheit, die Kunstfreiheit sehr viel umfasst und auch dann gelten muss, wenn es wehtut, wenn es einem politisch gerade nicht in den Kram passt. Weil darauf kommt es an: die Meinungsfreiheit, die Kunstfreiheit zu verteidigen, wenn es angenehm ist. Das ist einfach gesagt, und leider machen das sehr viele Einrichtungen und auch sehr viele Politiker − nicht allein von der AfD − nicht.‹« LINK und VIDEO
Thea Dorn und Christoph Möllers: Wie frei ist die Kunstfreiheit?
radio 3 [rbb], Der Zweite Gedanke, Gespräch von Natascha Freundel mit Christoph Möllers und Thea Dorn, 9. Mai 2026: »Wir haben ein Zusammenspiel zwischen extremer Sensibilität und einer großen Lust, auch mal richtig zuzulangen und was rauszuhauen. Das ist eine ganz unglückliche Dynamik, die sich da hochschaukelt. Deshalb wäre ich froh, wenn wir Bürger − das hat gar nichts mit dem Staat zu tun − ein Bewusstsein hätten, dass beides ein Problem werden kann für ein demokratisches Gemeinwesen: dieses ›Ich reiz mal jede Grenze aus, die es gibt‹, aber auch dieses ›Ich reg mich über alles auf, was passiert und schrei danach, dass der Staat das verbieten soll‹. Das ist aus meiner Sicht beides schwierig.« LINK und AUDIO
Zur Extra-Ausgabe Ost der PEN-Berlin-Heimatreihe

In-Neuruppin.de, Bericht von Volkmar Heuer-Strathmann, 1. Mai 2026: »Die seit über dreißig Jahren in Berlin lebende Autorin Maxi Obexer (…) hasst Nationalismus. (…) Und sie verknüpft Heimatgefühle mit Verantwortung und Engagement. (…) Jens-Peter Golde, bekennender Ostdeutscher mit DDR-Laufbahn und lange Zeit Bürgermeister in und von Neuruppin, brachte außer Oststolz die europäische Identität ins Gespräch. Gleichzeitig insistiert er darauf, dass Heimatgefühle ihre Grundlage in guter Nachbarschaft hätten, im Vereinsleben, in der Stadtkultur, im Alltag eben und nicht im Bücherschrank. (…) Auf zwei ganz verschiedenen Ebenen sah eine Zuhörerin die beiden Exponierten. Über den Begriff der Verantwortung konnte allerdings eine Verbindung hergestellt werden.« LINK

Sächsische Zeitung, Interview von Oliver Reinhard mit Deniz Yücel, 3. Mai 2026: »Es gibt die Ansicht, dass Heimat dort sei, wo man sich wohlfühlt. Ich schließe das nicht aus, aber es genügt mir nicht. Bei unserer Veranstaltung in Heidelberg sagte die italienische Schriftstellerin Francesca Melandri: Heimat ist das Gegenteil von Einsamkeit. Und in Stuttgart sagte Eva Menasse: Heimat ist der Ort, für den man sich auch schämt. Ich glaube, beides trifft zu. (…) Und es gibt auch nicht nur positive ›Heimat‹-Zuschreibungen. Ich finde, dass ›Heimat‹ ganz schön unheimlich werden und einem Angst machen kann. So war es bei mir, als ich nach dem Militärputsch 2016 trotzdem in Istanbul geblieben bin und haufenweise türkische Kollegen verhaftet wurden, auch Freunde von mir. Andere haben mich gewarnt: Du fällst auf.« LINK [€] und PDF
MDR Kultur, Gespräch von Annett Mautner mit Deniz Yücel, 5. Mai 2026: »Im Großen und Ganzen habe ich den Eindruck, dass man im Osten eher dazu neigt, Argumente auszutauschen und nicht Empörung. Also diesen Satz: ›Das und das ist sowieso -istisch‹, und damit eine Meinungsäußerung für illegitim, für unzulässig zu erklären – dieser Hang ist im Osten weniger ausgeprägt. Hier kommt eher: ›Das stimmt doch gar nicht, was du da sagst.‹ Ich finde, das ist eine ganz andere Gesprächsgrundlage. Hier geht es um die Kraft des besseren Arguments. Das ist im Osten, scheint mir, stärker ausgeprägt und das finde ich sehr sympathisch. Im Westen ist man sehr viel schneller bei Empörung, dabei, bestimmte Sachen für unzulässig, für illegitim zu erklären. LINK und AUDIO

