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Zum Tod von Peter Schneider

Peter Schneider
Peter Schneider, Aufnahme aus dem Jahr 2016 | Foto: picture alliance/ZB/Karlheinz Schindler

BR24, Nachruf von Knut Cordsen, 4. März 2026: »Peter Schneider war immer ein zoon politikon, ein durch und durch politisches Wesen – eine prägende Gestalt der Studentenrevolte der 68er, aber nie verdächtig, deshalb jener ›linken Melancholie‹ anheimzufallen, die Walter Benjamin 1931 schon auf diesen Begriff gebracht hatte. Vielmehr war dieser Schriftsteller ein vermeintliche Gewissheiten beständig in Frage stellender Intellektueller (…) Einen seiner letzten öffentlichen Auftritte hatte Peter Schneider bei der Gründung des PEN-Clubs Berlin. Kaum hatte sich diese Schriftstellervereinigung konstituiert, brachen interne Streitigkeiten aus. Inmitten des drohenden Tumults stand da in Gestalt Peter Schneiders ein mit solchen Flügelkämpfen nur allzu vertrauter Grandseigneur auf und mahnte, sich nicht in unnötigen Klein- und Scheingefechten zu verlieren. Nun ist Peter Schneider im Alter von 85 Jahren gestorben.« LINK und PDF

taz, Nachruf von Harry Nutt, 4. März 2026: »Der literarische Ruhm Peter Schneiders hatte sehr viel mit der Begabung zu tun, zum richtigen Zeitpunkt die Gefühle des Augenblicks zu transportieren. Die 1973 erschienene Erzählung ›Lenz‹ umfasst kaum 90 großzügig gesetzte Seiten und verhandelt bereits die Zweifel an der Zugehörigkeit zu der längst im Niedergang befindlichen 68er-Bewegung. (…) Schneiders Büchlein transportierte das Soundgefühl jener Zeit, die noch nicht reif für eine Abrechnung war. Vielmehr war ihm das Kunststück gelungen, die Schwingungen des Aufbruchs irgendwie beizubehalten, obwohl die inneren Zweifel an den politischen Folgen längst überwogen. (…) Zu seinem neben ›Lenz‹ nicht zuletzt wegen seiner historischen Prophetie erfolgreichsten Buch wurde ›Der Mauerspinger‹ von 1982, in dem er die Überwindung der Mauer in der ›siamesischen Stadt Berlin‹ zum Thema macht. (…) Lange bevor die Metapher von den Mauern in den Köpfen zumGemeinplatz wurde, schrieb Peter Schneider: ›Die Mauer im Kopfeinzureißen wird länger dauern, als irgendein Abrissunternehmen für die sichtbare braucht.‹« LINK

Süddeutsche Zeitung, Nachruf von Hilmar Klute, 4. März 2026: »Peter Schneider war der Chronist dieser Rebellion, das lässt sich hinschreiben und ist doch nur ein Teil der Wahrheit. Denn Peter Schneider hat in akribischer Offenheit am Beispiel seiner eigenen Biografie beschrieben, auf welchen Verletzungen und Zumutungen der Protest der jungen Leute in jenen späten Nachkriegsjahren gründete. Der Jähzorn des vom Krieg zermarterten Vaters, der sich in misogynen Reflexen auf die Schwester entlud, die Söhne hingegen verschonte. Die Gegenwärtigkeit der schweigenden Nazionkel, überhaupt das Schweigen! (…) Anders als mancher andere hat Peter Schneider die Träume und Ideen seiner Generation nicht verraten. Er hat sie erklärt, nicht zu erklären versucht, da war er im Wissen um seine Zuständigkeit schon weiter. Und er hat aus seinen Erfahrungen und Irrtümern für sich selbst eine Literatur gebaut, die nicht ohne den Boden dieser Erfahrungen auskommen wollte.« LINK

Zeit-Online, Nachruf von Jörg Lau, 4. März 2026: »Wäre er nicht so ein wandelbarer und suchender Autor gewesen, der sich politisch und intellektuell immer wieder neu aufstellte, man müsste ihn einen Repräsentanten nennen. (…) In der deutschen Literatur sind weltläufige Typen wie er, die politische Leidenschaft mit Empfindsamkeit verbinden und im Modus permanenter Selbstrevision leben, leider eine Seltenheit. Man wird Peter Schneider vermissen.« LINK [€]

Peter Schneider
sitzend, 2.v.l.) bei der Gründungsversammlung des PEN Berlin, Juni 2022 | Foto: Archiv

Peter Schneider, Beitrag im Sammelband Wenn das Denken die Richtung ändert –Warum wir nicht mehr links sind, Vorabdruck in Zeit-Online, 4. März 2026: »Eigentlich sollte klar sein, dass sich Politiker und Intellektuelle viel häufiger irren als Taxifahrer, weil Taxifahrer nicht ständig mit Voraussagen über die Zukunft der Menschheit befasst sind. Allenfalls verfahren sie sich im Dickicht der Großstädte. Also müsste das höhere Risiko, die Flughöhe der Prophezeiungen, auch zu einer höheren Bereitschaft führen, Irrtümer einzugestehen. Aber weit gefehlt. Nichts erzeugt in einem Gespräch unter Leuten, die sich mit der Produktion und Verbreitung von Meinungen abgeben, so schlechte Laune, wie der Hinweis, der hier publizierte Artikel und das dort veröffentlichte Buch enthalte Widersprüche oder Irrtümer. Dabei ist es doch auf einer Strecke von ein paar Hundert Buchseiten so gut wie unmöglich, Irrtümer und Fehleinschätzungen zu vermeiden.« LINK [€]

 

Gedenkworte von Deniz Yücel auf einer Veranstaltung im Rahmen der Heimat-Reihe

 

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