November/Dezember 2025 (Iran, »Kabuler Appell«, PEN-Berlin-Kongress)
Jahresrückblick 2025
NDR Kultur, Der Morgen, Bericht von Jan Wiedemann, 18. Dezember 2025: »An anderer Stelle wirft dagegen ein Veranstalter einem Künstler vor, sich gerade nicht zu äußern. Lahav Shani ist Chefdirigent des Israel Philharmonic Orchestra. Er wird mit den Münchner Philharmonikern kurzfristig von einem Festival in Belgien ausgeladen. Denn er solle erst mal beantworten, wie er es mit der Politik des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu halte. Ein Schritt, über den viele entsetzt sind, auch der Pianist Igor Levit: ›Ich war wütend und ich war erschüttert, dass Lahav Shani als israelischer Künstler und auch nur weil er israelischer Jude ist, einer solche Kollektiven Bestrafung unterworfen wird.‹ Meinungsfreiheit beinhaltete schließlich auch das Recht, sich nicht äußern zu müssen, heißt es vom PEN Berlin.« LINK
Zum Iran und zur »Migrationswende«

WDR 3, Resonanzen, Gespräch von Anette Hager mit Daniela Sepehri, 18. Dezember 2025: »Im Aufenthaltsgesetzbuch gibt es über diesen Paragrafen 22 die Möglichkeit, Menschen, die als JournalistInnen, als MenschenrechtsverteidigerInnen, usw. sich für demokratische Werte, für Menschenrechte eingesetzt haben, einen humanitären Aufenthalt in Deutschland zu gewähren. (…) Und das ist jetzt durch die neue Bundesregierung de facto ausgesetzt. Es ist nahezu unmöglich für verfolgte Schriftsteller:innen, Aktivist:innen, Journalist:innen, aus allen möglichen Ländern so einen humanitären Aufenthalt zu bekommen (…)Innenminister Dobrindt will eine Migrationswende einleiten und auf Abschottung setzen – und fängt genau an bei den Leuten, die eben besonders verfolgt sind.« LINK und AUDIO
Zum »Kabuler Appell«
dpa, Bericht, übernommen u.a. von der Welt, 11. Dezember 2025: »Mit einem offenen Brief unter dem Titel ›Kabuler Appell‹ kritisieren deutsche Persönlichkeiten die Bundesregierung für die aus ihrer Sicht verzögerte Einreise von mehr als 2000 Afghanen mit Aufnahmezusagen der Vorgängerregierung. In dem Schreiben ist unter anderem von einem ›beschämendem Taktieren‹ der Politik die Rede. Zu den Unterzeichnern gehören ZDF Magazin Royale-Moderator Jan Böhmermann, die Schauspielerinnen Iris Berben und Collien Fernandes, der ehemalige ZDF-Redaktionsleiter des heute-journals, Claus Kleber, und Welt-Autor Deniz Yücel. Sie rufen dazu auf, gefährdeten Afghanen mit gültiger Aufnahmezusage den Rechtsweg zu ermöglichen.« LINK
Zur Mitgliederversammlung des PEN Berlin

Buchmarkt.de, Bericht, 3. Dezember 2025: »Die Autor:innenvereinigung PEN Berlin hat am Sonntag ihre jährliche Mitgliederversammlung abgehalten. Dort wurde (…) Linn Penelope Rieger, Autorin, Literaturvermittlerin und Geschäftsführerin von Edit und Netzwerk Lyrik, ins elfköpfige Leitungsgremium nachgewählt. Zu den 35 neu aufgenommenen Mitgliedern gehören die Friedensnobelpreisträgerin Irina Scherbakowa, die Journalisten Christian Bommarius und Georg Mascolo, die Literaturkritikerin Iris Radisch, der Soziologe Harald Welzer, die Philosophin Eva von Redecker, die Jugendbuchpreisträgerin Maren Amini sowie Julia Draganović, Direktorin der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo. Zugewählt wurden außerdem die Schriftsteller:innen: Ulrike Draesner, Matthias Nawrat, Maruan Paschen und Dana Ranga sowie die Verleger Tim Jung, Tom Kraushaar und Oliver Vogel. LINK
Zum Kongress »Wer räumt das jetzt auf?«

Sofi Oksanen, Festrede dokumentiert in der taz, 9. Dezember 2025: »Die koloniale Assimilierungspolitik Russlands [ist] wirksamer als man glauben möchte, denn sie betrifft nicht nur die Menschen in den von Russland kontrollierten Gebieten, sondern auch Menschen, die außerhalb Russlands leben. Sie hat auch Ihr Denken, Ihre Weltsicht, Ihre Werte und moralischen Maßstäbe beeinflusst. Russlands Kolonialpolitik ist so effizient, dass das westliche Sprechen über den Krieg überhaupt nicht den zentralen Aspekt des Krieges betont, seine eigentliche Ursache, mit dem die Deportationen so unmittelbar verknüpft sind. Und genau darum kann die Friedensrhetorik, die sich nur auf Grenzverläufe fixiert, auch niemals zu einem nachhaltigen und gerechten Frieden führen. Im Herzen des Krieges liegt Identitätspolitik:« LINK

Overton Magazin, Beitrag von Peter Nowak, 3. Dezember 2025: »Vor zwei Jahren, als der PEN Berlin noch relativ neu war, war das Medien- und Publikumsinteresse größer. Der schlechte Besuch ist auch ein Zeichen dafür, dass solche Debatten heute kaum noch in der realen Welt geführt werden. Im Internet wird selten miteinander, sondern meistens übereinander geredet oder neue angebliche Skandale aufgespürt. (…) Da haben es Formate wie der PEN-Kongress schwer, wo man sich tatsächlich noch über Begriffe wie Hass streitet und dabei Argumente austauscht und die Zuhörer sogar zum Nachdenken bringt. Vielleicht wären das aber die besseren Instrumente, um die Rechten in Parlamenten und Gesellschaft aufzuhalten. Da die bisherigen Mittel wenig Erfolge brachten, wäre es ja einen Versuch wert.« LINK

DLF Kultur, Kultur heute, Bericht von Cornelius Wüllenkemper, 30. November 2025: »Dorn zeigte sie sich verzweifelt über den Gesamtzustand unseres demokratisch verfassten Gemeinwesens und die Debattenkultur in der, ›vernölten Dienstleistungsdemokratie‹, in der es darum gehe, Gegner zu verungnimpfen. [Thea Dorn:] ›Und damit komme ich zu dem, was für mich die Seele dieses Vereins ist. Nein, nicht der Knatsch, sondern, dass wir versuchen, nicht dauerrot zu sehen. Dass wir es aushalten, wenn andere Vereinsmitglieder Positionen vertreten, die wir selbst für falsch halten. Dass wir uns mit diesen anderen Positionen auseinandersetzen, anstatt die Person, die sie vertritt, zu beleidigen oder zu verleumden. Dass wir nicht fordern, jemand möge diese unmögliche Person vom Platz stellen. Dass wir nicht selbst mit maximal empörter Geste das Spielfeld verlassen.‹ Dorn gab selbstkritisch zu bedenken, dass das in der Debatte um die Resolution zum Nahostkonflikt nicht geklappt habe.« LINK und AUDIO
DLF Kultur, Fazit, Gespräch von Gabi Wuttke mit Deniz Yücel, 28. November 2025: »Bei der Saalschlacht, die wir morgen führen werden, wird es um das Thema Hassrede gehen. Es gibt ja so eine sehr beliebte Redewendung, die auf den ersten Moment auch sehr plausibel sich anhört, nämlich ›Hass ist keine Meinung‹. Sehr gerne auch vertreten von Leuten, die im nächsten Atemzug rufen: ›Ganz Berlin hasst die AfD‹ oder ›Hasst die Polizei‹. Ich bin sehr gespannt auf die beiden Referate, die diese Saalschlacht anheizen sollen. Die werden ehalten von Renate Künast auf der einen Seite und von Wolfgang Kubicki. Und danach wird das hoffentlich eine anregende Diskussion im Publikum geben.« LINK und AUDIO
radio 3 [rbb], Radio 3 am Morgen, Gespräch von Frank Meyer mit Thea Dorn, 28. November 2025: »Die Empfehlung ist naheliegend, dass der Bürger einfach vielleicht erkennen muss, dass er selber mit in einer Verantwortung ist. Und damit meine ich jetzt nicht, auch politische Kräfte aufzustellen, aber zu erkennen, dass diese Dienstleistungsmentalität, zu sagen ›fürs Aufräumen sind andere oder sind vielleicht sogar die Eltern zuständig‹, was auch immer das im Allgemeinwesen heißen soll, dass das vielleicht eine Haltung ist, die an ihre Grenzen stößt, und dass möglicherweise alle fürs Aufräumen zuständig sind.« LINK und AUDIO
Siegessäule, Interview von Holger Schollenberg mit Kristof Magnusson und Jayrôme Robinet, 26. November 2025: »Einfach die Tatsache, dass man an einem Tag ohne Cancel-Reflex oder Tabubruch-Fetisch zusammenkommt und miteinander spricht‹, beschreibt Robinet als sein persönliches Highlight. Denn beim PEN Berlin gehe es nicht darum, vor der eigenen Peer-Group die ›richtige‹ Meinung zu performen, ergänzt Magnusson. ›Es geht wirklich um Austausch – und darum, Positionen auszuhalten, mit denen man nicht einverstanden ist. Dass uns das immer wieder gelingt, ist bemerkenswert.« LINK