Archiv 2025

November 2025 (Populismus, Buchmesse »Seitenwechsel«, Iran, Boualem Sansal)

Zur Freilassung von Boualem Sansal

Boualem Sansal
Foto: Dirk Skiba

DLF Kultur, Lesart, Gespräch von Andrea Gerk mit Thea Dorn, 13. November 2025: »Wir alle kennen die Redewendung, dass man Gnade vor Recht ergehen lässt, und natürlich wäre es in diesem Fall viel angemessener gewesen, Recht vor Gnade ergehen zu lassen und Boualem Sansal von diesen abstrusen Vorwürfen ›Vergehen gegen die Einheit der Nation‹ freizusprechen. Aber dass das angesichts der real existierenden Machtverhältnisse in Algerien offenbar nicht zu haben ist, muss man sagen: Immerhin ist ein kranker, mutiger, nicht mehr ganz junger Mann auf diese Weise freigekommen. Aber selbstverständliche hat es einen bitteren Beigeschmack.« LINK und AUDIO

Evangelische Zeitung, Bericht, 12. November 2025: »Sansal war nach Angaben der Schriftstellervereinigung PEN Berlin im März in einem Schnellverfahren verurteilt worden. Zu den Anklagepunkten zählte unter anderem ›Verstoß gegen die nationale Einheit‹. Ausgangspunkt des Verfahrens waren laut PEN Äußerungen Sansals in einem Interview mit dem französischen Medium Frontières. Darin habe Sansal davon gesprochen, dass Algerien unter französischer Kolonialherrschaft Gebiete erhalten habe, die ursprünglich zu Marokko gehörten. Das Urteil gegen Sansal wurde nach Berufung am 1. Juli bestätigt.« LINK

 

Zur neuen Verhaftungswelle im Iran

Iran PEN Berlin Yücel
Foto: Wikipedia/Herzi Pinki

WDR 3, Resonanzen, Meldung, 7. November 2025: »Nach Angaben des PEN Berlin stürmten iranische Sicherheitskräfte Anfang der Woche mehrere Wohnungen und nahmen mindestens fünf Personen mit. Festgenommen wurden laut PEN Berlin die Schriftstellerin und Übersetzerin Shirin Karimi, die Ökonomen Parviz Sadeghat und Mohammad Majloo und die Soziologin Mahsa Asadollahnejad. Der kurdische Autor und Übersetzer Heyman Rahimi wurde vorgeladen. (…)  Seit den Protesten im Herbst 2022 werden im Iran viele Schreibende und Forschende verfolgt oder unter Druck gesetzt. PEN Berlin zufolge hat das internationale Interesse daran aber stark nachgelassen.« LINK

 

 

Zur Buchmesse »Seitenwechsel« in Halle

Deniz Yücel
Foto: Marlene Gawrisch/Welt

Mitteldeutsche Zeitung, Interview von Christian Eger mit Deniz Yücel, 6. November 2025: »Wir hatten im PEN Berlin diskutiert, ob wir uns den Protesten anschließen sollen, und uns dagegen entschieden, weil es nicht unsere Aufgabe ist, gegen Buchmessen zu protestieren, sondern dann einzuschreiten, wenn das Recht auf Meinungs-, Kunst- oder Pressefreiheit eingeschränkt wird, von wem auch immer. (…) Eine Buchmesse sollte für niemanden ein Anlass zur Beunruhigung sein. Das widerspricht dem Naturell einer Buchmesse. Unsereins hat ja der extremen Rechten immer vorgehalten, sie sollten mal ein paar Bücher lesen, anstatt nur rumzugrölen. Jetzt kann ich mich nicht darüber beschweren, wenn einige von ihnen genau dies tun. Besser Buchmesse als Menschenjagd.« LINK [€] und LINK

dpa, Bericht von Inga Jahn, übernommen u.a. von Zeit-Online, 6. November 2025: »Deniz Yücel, Sprecher der Autorenvereinigung PEN Berlin, hatte die Messe in der Mitteldeutschen Zeitung als ›sehr rechte bis rechtsradikale Buchmesse‹ bezeichnet. Die Veranstalter sehen das anders. Kritiker der Messe könnten sich nicht vorstellen, dass ›freie Individuen außerhalb von Gruppierungen denken und ohne politischen Einfluss literarisch und kulturschaffend tätig sein können‹, sagt der Geraer Autor und Sprecher Bernd Zeller.‹« LINK

Junge Freiheit, Liveticker von Lorenz Bien u.a., 6. November 2025: »Der Sprecher der Schriftstellervereinigung PEN Berlin, Deniz Yücel, findet die Buchmesse hingegen nur halb so schlimm. Sie solle ›für niemanden ein Anlaß zur Beunruhigung sein‹, sagte er der Mitteldeutschen Zeitung. Das widerspreche dem Naturell einer Buchmesse.Unsereins hat ja der extremen Rechten immer vorgehalten, sie sollten mal ein paar Bücher lesen, anstatt nur rumzugrölen. Jetzt kann ich mich nicht darüber beschweren, wenn einige von ihnen genau dies tun. Besser Buchmesse als Menschenjagd.‹« LINK

Frankfurter Rundschau, Bericht von Sebastian Richter, 8. November 2025: »Der Sprecher der Autorenvereinigung PEN Berlin, Deniz Yücel, hatte die Messe in der Mitteldeutschen Zeitung als ›sehr rechte bis rechtsradikale Buchmesse‹ bezeichnet. Diese Einschätzung befeuerte den Widerstand gegen die Veranstaltung zusätzlich.« LINK

Süddeutsche Zeitung, Reportage von Bernhard Heckler, 9. November 2025: »Der Sprecher des PEN Berlin, Deniz Yücel, hat diese Buchmesse eine ›sehr rechte bis rechtsrad)ikale Buchmesse‹ genannt. (…) Die AfD hatte die Debatte um die zweitägige Messe in einer Mitteilung als ›künstlich aufgeheizt‹ bezeichnet und ihr Eintreten für ›Meinungsfreiheit für alle‹ betont. So viel Zivilcourage wäre gar nicht nötig gewesen. Das Stattfinden der Messe war nie in Gefahr, und jetzt ist sie schon in vollem Gange.« LINK

ARD, Titel Thesen Temperamente, Bericht von Rayk Wieland inkl. Gespräch mit Deniz Yücel, 9. November 2025: »Bei der wohl größten rechten Publikumsmesse in der Geschichte des Landes ist der Besucherandrang groß. Das Polizeiaufgebot auch. Kleiner Showdown mit hunderten von Gegendemonstranten, die fordern, die Messe zu verbieten und Nazis keine Bühne zu bieten. [Yücel:] ›Diese Rede, wenn wir davon keine Bühne geben, ist vollkommen an der Zeit vorbei. Ich glaube, diese Strategie funktionierte und war angebracht in den Neunziger- und Nullerjahren, als wir es mit einer NPD und ein paar Kameradschaften zu tun hatten, wo die Gewaltbereitschaft sehr viel höher war.  Aber heute haben die längst ihre eigenen Bühnen. Die brauchen gar nichtmehr die allgemeine Bühne. Die meiden sie, weil sie auch die Auseinandersetzung meiden. Die bleiben lieber unter sich.‹« LINK und VIDEO

 

Junge Freiheit, Kommentar von Dieter Stein, 13. November 2025: »Das ARD-Kulturmagazin Kontraste spricht beeindruckt von der ›wohl größten rechten Publikumsmesse in der Geschichte des Landes‹, die als Hüterin des Messestandorts am Main verunsicherte FAZ versteigt sich dazu, im Treffen einen ›organisierten Angriff auf den Rechtsstaat unter dem Vorwand der Kultur‹ zu erkennen. Doch scheinen sich solche Brandmauer-Konzepte allmählich endgültig totzulaufen. Deniz Yücel, früher taz, heute Welt und Vorsitzender des Autorenverbandes PEN Berlin, lehnte es schon zuvor ab, Protestnoten gegen die Seitenwechsel-Messe abzugeben. Die Zeit des ›Keine Bühne geben ist vorbei‹, so Yücel, Ausgrenzungen provozierten Selbstausgrenzungen und seien zwei Seiten einer Medaille.« LINK

 

Zur Veranstaltung »Wie populär darf’s denn sein?«

Thea Dorn
Foto: obs/ZDF/Svea Pietschmann

DLF Kultur, Studio 9, Gespräch von Vera Linß mit Thea Dorn, 2. November 2025: »Wenn man sagt: ›Unsere Gesellschaften sind so kompliziert geworden, (…) das gibt da oben so einen Kreis von Experten, die wissen Bescheid, die sagen, wo es lang geht und der Rest soll einfach machen. Das ist, muss man ganz klar sagen, keine Demokratie mehr. Und deshalb muss man es schaffen – und das ist auch Aufgabe von Journalisten (…) – so zu vermitteln, dass der berühmte einfache Mensch, der Teil des Volkes, eine Chance hat, sich selber ein Urteil zu bilden. Die Gegenseite muss aber natürlich einen gewissen guten Willen mitbringen, dass er sich ein Urteil bilden will und nicht jeden Blödsinn glaubt, der ihm auf irgendeiner windigen Seite im Netz entgegenschwappt.« LINK und AUDIO

Anlässlich der Veranstaltung »Wie populär darf’s denn sein?« im Rahmen der »Hamburger Woche der Meinungsfreiheit« mit Andreas Rödder und Julian Nida-Rümelin, moderiert von Thea Dorn und Deniz Yücel am 7. November im Körber-Haus in Hamburg.

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