Archiv 2025

August 2025 (Wolodymyr Jermolenko, Wolfram Weimer)

Wolodymyr Jermolenko: »In den besetzten Gebieten ist die ukrainische Kultur tot«

Wolfram Weimer
Wolodymyr Jermolenko, Präsident PEN Ukraine | Foto: Yuriy Stefanyak

Welt, Interview von Deniz Yücel mit Wolodymyr Jermolenko, Philosoph und Präsident des PEN Ukraine, 21. August 2025: »Die Invasion hat ein kulturelles Wiederaufleben ausgelöst. Es gibt mehr Interesse an ukrainischer Literatur, es gibt Festivals. Die ukrainische Kultur boomt. Aber in den besetzten Gebieten ist die ukrainische Kultur tot, verboten. (…) In der gesamten Geschichte der Ukraine waren die Intellektuellen engagiert. Sie haben für ihr Volk gekämpft, für die Sprache, die Kultur. Das tun sie auch jetzt – mit Worten, Ideen, Büchern, aber auch als Freiwillige und Soldaten an der Front. Vor einigen Tagen wurde der Maler Dawyd Tschytschkan beerdigt, ein Anarchist, der sich freiwillig zum Militär gemeldet hatte.« LINK [€]

 

Zur von Wolfram Weimer neuangefachten Genderdebatte

Wolodymyr_Jermolenko
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer | Foto: Jesco Denzel/Bundesregierung

DLF Kultur, Studio 9 − Der Tag, Korbinian Frenzel im Gespräch mit Thea Dorn, 5. August 2025: »Dieser Kulturkampf geht ja wahrlich schon lange und meine persönliche Haltung ist: Wer gendern will, soll gendern und wer nicht will, soll es lassen. (…) Es gibt junge Menschen, die das mit einer hohen Eleganz können, für die das die selbstverständliche Sprache geworden ist, das stört mich überhaupt nicht. Wenn ein weißer, heterosexueller, kulturschaffender Mitte 40 aus dem Gendern (…) da geht es mir auf den Nerv. Aber wenn irgendwie eine 19-Jährige ständig ›Studierende‹ oder ›Student:innen‹ sagt und das mit einer großen Selbstverständlichkeit, da ist mein Gott. Aber wir reden ja über Behördendeutsch. (…) Im Zusammenhang mit Behördendeutsch überhaupt von einer ›Schönheit oder von Sprachkultur‹ zu reden, ist ein bisschen vermessen.« LINK [GANZE SENDUNG] und AUDIO [AUSSCHNITT]

Berliner Zeitung, Bericht von Susanne Lenz, 13. August 2025: »Dem Präsidenten des PEN Berlin Deniz Yücel ist angesichts der Kritik von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer am sprachlichen Gendern offenbar der Kragen geplatzt. In einer ironisch gemeinten Pressemitteilung heißt es, der PEN Berlin begrüße es, ›dass der Bundesbeauftragte den Mut aufbringt, sich der Spracherziehung anzunehmen und damit Ansprüche auf eine Rolle in der Kulturpolitik anzumelden, die seit dem Ausscheiden von Kurt Hager im Herbst 1989 vakant geblieben ist‹. (…) Deniz Yücel ist selbst nicht als vehementer Verfechter des Genderns bekannt, aber diese Art der Bevormundung trifft bei ihm offenbar einen Nerv.« LINK

heute.de, Bericht von Henriette de Maizière, 13. August 2025: »Während Weimer die Gesellschaft für deutsche Sprache auf seiner Seite hat, da sie das Gendern nicht empfiehlt, reagieren andere im Kulturbetrieb beißend ironisch: Etwa in einer Pressemitteilung des PEN-Club Berlin lobt dessen Präsident Deniz Yücel überspitzt, ›dass der Bundesbeauftragte den Mut aufbringt, sich der Spracherziehung anzunehmen und damit Ansprüche auf eine Rolle in der Kulturpolitik anzumelden, die seit dem Ausscheiden von Kurt Hager im Herbst 1989 vakant geblieben ist‹. Hager war Chefideologe der DDR, im SED-Politbüro verantwortlich für die Kultur- und Bildungspolitik. Yücel spielt damit auf staatliche Zensur an, der die Kultur in der DDR unterworfen war. Er erwarte, schreibt Yücel, dass Weimer den Gedanken zu Ende führe und ›sich im nächsten Schritt die in Museen und Theatern dargebotenen Inhalte‹ vorknöpfe.« LINK

Börsenblatt, Bericht: 13. August 2025: »Der Schriftstellerverband PEN Berlin äußert sich sarkastisch. In einer Stellungnahme heißt es: ›Wer im öffentlichen Auftrag inszeniert oder ausstellt, sollte eine Kunst wählen, die für alle nachvollziehbar ist und breite Akzeptanz findet.‹ PEN-Berlin-Sprecher Deniz Yücel erklärt, das beste Argument fürs Gendern sei ›die Schnappatmung, die es bei seinen Gegnern auslöst‹ – nun durch den Staatsminister ›glänzend bekräftigt‹. PEN Berlin kündigt an, in seiner Kommunikation weiterhin gendergerechte Sprache zu verwenden – ›weil selbstverständlich auch wir jede bevormundende Spracherziehung ablehnen.‹« LINK

Sächsische Zeitung, Kommentar von Peter Ufer, 14. August 2025: »Das ist ein Sternchen *. Unscheinbar, aber es reizt. Wie Juckpulver im Nacken. Also weg da-mit. Jedenfalls will das Wolfgang Weimer so. Wer den bisher nicht kannte, der hat diese Woche vom Präsidenten des PEN Berlin, Deniz Yücel, erfahren, dass er eine Art Kurt Hager sei. Wer den nicht mehr kennt, der kennt vielleicht noch den Witz, dass in der DDR Bücher erschienen mit Radierungen von Kurt Hager. (…) Denn erstens wird hier verboten, was in keinem bundesweiten Gesetz vorgeschrieben ist. Zweitens bevormundet Weimer-Hager öffentliche Einrichtungen mit der Begründung, er „lehne jede bevormundende Spracherziehung ab“. Drittens sagt er: Privat stehe es weiterhin jedem frei, „sich so auszudrücken, wie er oder sie es möchte“. Im Hager-Reich wuchsen so Menschen gespaltene Zungen.« PDF

Nürnberger Nachrichten, Bericht von Stefan Mößler-Rademacher, 17. August 2025: »Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat die Verwendung gendergerechter Sprache – also Sonderzeichen wie Binnen-I oder Sternchen für eine geschlechterneutrale Sprache – offiziell aus seiner Behörde verbannt. Dasselbe empfahl er allen mit öffentlichen Mitteln finanzierten Institutionen wie Museen, Stiftungen oder Rundfunk. Hat das auch Auswirkungen aufs 45. Erlanger Poetenfest, das sich seit einiger Zeit Poet*innenfest nennt? (…) Auch die Schriftstellervereinigung PEN Berlin hat sich bereits zu Wort gemeldet: ›Das beste und nach meinem Dafürhalten einzig überzeugende Argument für das Gendern schien mir schon immer die Schnappatmung, die es bei seinen Gegnern auslöst‹, sagte PEN-Berlin-Sprecher Deniz Yücel. Und weiter: ›Selten wurde dieses Argument so glänzend bekräftigt wie nun durch den Kulturstaatsminister.‹« LINK [€]

Frankfurter Allgemeine, Beitrag von Meron Mendel, 25. August 2025: »Deniz Yücel bemerkte einmal, das beste Argument für das Gendern sei die Schnappatmung seiner Gegner. Das stimmt – aber umgekehrt gilt es ebenso. Gender-Befürworter verbergen ihre Schnappatmung nur geschickter hinter einer freundlichen Fassade. Sympathischer wird das dadurch nicht unbedingt. Etwa wenn Mails mit der Signatur enden: „Meine Pronomen sind dej/deren. Bitte teilt mir auch eure Pronomen mit, damit ich euch respektvoll ansprechen kann.« LINK [€]

Berliner Zeitung, Kommentar von Maritta Adam-Tkalec, 26. August 2025: »Wolfram Weimer hat versprochen, den Institutionen, die weiter in ideologischer Kunstsprache kommunizierten, drohten keine Mittelkürzungen. Das interessierte, gebildete Publikum wird sich hoffentlich weiter auf die angebotenen, ernsten Inhalte zu fokussieren wissen; man könnte diese Sprachform ja als eine Art Installation auffassen. Weniger nachsichtig formuliert: Was die Blase mit den vielen öffentlichen Euro-Millionen macht, bleibt ihre Sache – im Namen der Freiheit. Deniz Yücel, Vorsitzender des PEN Berlin, einer Abspaltung des PEN-Zentrums Deutschlands, protestierte trotzdem mit der satirisch-bissigen Bemerkung, Weimer nehme sich der Spracherziehung an – womit Yücel die Realität mal eben umdreht. Ebenso verfuhr Sven Lehmann, Grüner, ehemals Queerbeauftragter. Er kritisierte Weimer als ›missionarischen Kulturkämpfer‹.« LINK

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