Archiv 2025

März 2025 (Boualem Sansal)

Zum Protest auf der Internationalen Tourismus-Börse Berlin

Boualem Sansal
Protest des PEN Berlin für Boualem Sansal auf der ITB, 4.3.25. Thea Dorn, Deniz Yücel und Can Dündar | Screenshot: PEN Berlin

DLF Kultur, Bericht von Dieter Nürnberger, 4. März 2025: »Mitglieder der Autorenvereinigung PEN Berlin demonstrierten vor dem Algerien-Messestand für die Freilassung von Boualem Sansal, dem französisch-algerischen Schriftsteller, der seit fast drei Wochen im Hungerstreik ist. (…) Für Daniel Kehlmann, einem der erfolgreichsten Romanautoren im deutschsprachigen Raum, ist Solidarität selbstverständlich. [Er] spricht von einem harmlosen Satz mit bösen Folgen: ›Der harmlose Satz war der, dass seiner Meinung nach die Westsahara traditionell eher zu Marokko gehört als zu Algerien. Für einen solchen Satz, eigentlich eine Interpretation historischer Verhältnisse, wo man nun eine Diskussion führen könnte, wenn man Lust hat, wurde er wegen Hochverrates verhaftet und es dauerte eine Weile bis man überhaupt erfuhr, dass er im Gefängnis war.‹« LINK und AUDIO

rbb, radio3 am Nachmittag, Bericht von Tomas Fitzel, 4. März 2025: »PEN Berlin fordert, dass der algerische Schriftsteller Boualem Sansal freigelassen wird. (…) Deniz Yücel: ›Als ich in türkischer Haft saß, habe ich irgendwann in einer türkischen Zeitung ein Foto gesehen, wie meine Freunde, die sich für mich eingesetzt haben, hier auf der ITB eine ganz ähnliche Protestaktion gemacht haben. Jede Protestaktion hat erst mal einen Adressaten, noch vor den Regierungen – der deutschen Regierung, der betreffenden Regierung –, der allererste Adressat ist immer derjenige, der Kollege, die Kollegin, die im Knast sitzt. Weil das ankommt, weil das zählt, weil das Gefühl, ich werde hier nicht vergessen, wichtig ist. Dieses Gefühl möchten wir Boualem Sansal geben.‹« LINK und AUDIO

3sat, Kulturzeit, Bericht von Luis Babst, 4. März 2025: »[Thea Dorn:] ›Dass ein schwerkranker 80-jähriger Mann ohne Anklage im vierten Monat in Haft sitzt, seinem Anwalt wird die Akteneinsicht verwehrt (…) Das ist Verhalten von Schurkenstaaten.‹ (…) Die Demonstrierenden wollen mit ihrem Protest vor einem algerischen Tourismusstand auf den Kontrast zwischen Urlaubsziel und Menschenrechtsverletzungen aufmerksam machen. (…) Nach einer Weile wird die Polizei gerufen. Sie lässt die Schriftsteller aber weiter demonstrieren. (…) [Daniel Kehlmann:] ›Wir müssen seine Freilassung fordern. So wie übrigens auch die westlichen Regierungen. Macron hat das schon getan. Ich hoffe mir sehr, dass die deutsche Regierung das auch tun wird. Meinungsfreiheit besteht nur, wenn wir sie alle haben. Wenn sie für einige nicht gilt, gilt sie für niemanden.« LINK und VIDEO

 

Zur Solidaritätsveranstaltung am 7. März 2025 im Deutschen Theater Berlin

Radio 3, Aufzeichnung der Solidaritätsveranstaltung mit Herta Müller, Irina Scherbakowa, Daniel Kehlmann, Liao Yiwu, Kamel Daoud u.a., moderiert von Natascha Freundel, organisiert vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels, dem Perlentaucher und dem Merlin Verlag am 7. März 2025 im Deutschen Theater Berlin. Kehlmann: »Die Polizei kam und war sehr freundlich, konfliktvermeidungsgeschult und zurückhaltend, was, glaube ich, auch daran lag, dass Deniz sofort sehr offen und freundlich auf die Polizei zuging. (…) Es war nach meinem Gefühl ein erfreulich zivilisierter und glaube ich trotzdem hoffentlich zielführender Vorgang, (…) weil das eben aus dem reinen Kulturbereich hinaus und eben dorthin geht, wo man seine Geschäfte machen möchte.« AUDIO [AUSSCHNITT] und LINK [KOMPLETTE VERANSTALTUNG]

Welt, Beitrag von Marc Reichwein, 8. März 2025. »Daniel Kehlmann berichtete, wie er vor wenigen Tagen – gemeinsam mit den beiden Sprechern der Schriftstellervereinigung PEN Berlin, Thea Dorn und Deniz Yücel, eine kleine, ›zivilisierte‹ Protestnote am Algerienstand der Internationalen Tourismus Börse (ITB) veranstaltet habe. Eine Diktatur sei kein Urlaubsland, so Kehlmann.« LINK

Zeit, Beitrag von Ronja Wirts, 11. März 2025: »Im Dezember wurde der Schriftsteller Boualem Sansal in Algerien verhaftet. Wie es mit ihm weitergeht, ist unklar. In der Literaturszene regt sich Protest. […] Anfang der Woche hatten Mitglieder des PEN Berlin außerdem auf der Tourismusmesse ITB protestiert. ›Free Sansal‹ war auf großen Transparenten zu lesen, mit denen sich die Beteiligten vor dem Stand des algerischen Tourismusverbands aufstellten. Thea Dorn, Schriftstellerin und Mitorganisatorin, sprach von einem ›verzweifelten Versuch, Aufmerksamkeit auf den Fall zu lenken.‹« LINK

Weiteres zum Verfahren und zum Urteil am 27. März 2025

Frankfurter Allgemeine, Bericht von Lena Bopp, 20. März 2025: »Vor einem Gericht in Dar El Beïda bei Algier hat heute ein Schnellverfahren gegen den algerisch-französischen Schriftsteller Boualem Sansal begonnen. Wie französische Medien berichten, soll die Staatsanwaltschaft des Gerichts eine Haftstrafe von zehn Jahren und eine Geldstrafe von einer Million Dinar (rund 7000 Euro) gefordert haben. […] Auch der PEN Berlin in Deutschland verurteilt das nun angesetzte Schnellverfahren gegen Sansal in einer Mitteilung scharf. ›Was wir hier erleben, ist eine Justizfarce‹, sagte Deniz Yücel, Sprecher des PEN Berlin. ›Es ist zu befürchten, dass das Urteil bereits feststeht, noch ehe dieser Schnellprozess begonnen hat. So handeln Schurkenstaaten.‹ Der PEN Berlin appelliert an die Bundesregierung, sich entschieden für den Schriftsteller einzusetzen und alles in ihrer Macht Stehende zu tun, damit er sofort freigelassen werde.‹« LINK

dpa, Bericht, übernommen u.a. vom Tagesspiegel, 20. März 2025: »Der mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnete Autor Boualem Sansal wird in Algerien festgehalten, wo ihm zehn Jahre Haft drohen. […] Das am Donnerstag begonnene Strafverfahren gegen Sansal, bei dem die Anklage die zehnjährige Haft forderte, bezeichnete PEN Berlin als ›Justizfarce‹. Wegen seiner unbestechlichen Kritik am algerischen Regime und am politischen Islam sei der Autor seit längerem Schikanen und Bedrohungen ausgesetzt gewesen, weshalb er sich im vergangenen Jahr in Frankreich niederließ.« LINK

Frankfurter Allgemeine, Bericht von Lena Bopp und Andreas Platthaus, 27. März 2025: »Nach einem Schnellverfahren muss der französisch-algerische Schriftsteller für fünf Jahre in Haft. Sansal wird vorgeworfen, in einem Interview mit einer französischen Zeitschrift Algeriens Integrität gefährdet zu haben. […] Der PEN Berlin forderte die Freilassung von Sansal, der lediglich von seiner Meinungsfreiheit Gebrauch gemacht habe. ›Algerien soll – so der Stand der aktuellen Koalitionsverhandlungen – zu einem sicheren Drittstaat erklärt werden‹, so Deniz Yücel, Sprecher des PEN Berlin. ›Algerien ist nicht sicher, am wenigsten für Menschen, die es wagen, die Machthaber zu kritisieren.‹ Auch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zeigte sich ›zutiefst erschüttert über die Verurteilung des algerischen Schriftstellers.‹« LINK

Tagesspiegel, Bericht von Gerrit Bartels, 27. März 2025: »Auch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und der PEN Berlin artikulierten ihre Fassungslosigkeit: ›Die Verurteilung eines Autors aufgrund seiner friedlichen Meinungsäußerung ist inakzeptabel und widerspricht den grundlegenden Prinzipien der Menschenrechte‹, so Karin Schmidt-Friderichs, die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Und Deniz Yücel, Sprecher des PEN Berlin, schrieb in einer Mitteilung: ›Algerien ist nicht sicher, am wenigsten für Menschen, die es wagen, die Machthaber zu kritisieren.‹« LINK

dpa, Bericht, übernommen u.a. von Spiegel-Online, 27. März 2025: »Die Autorenvereinigung PEN hatte in der vergangenen Woche in Paris kritisiert, Sansal werde unter fadenscheinigen Gründen als politischer Gefangener festgehalten. Algerien verfolge den 80-jährigen Autor wegen seiner Ansichten und seiner frei geäußerten Meinung. ›Was wir hier erleben, ist eine Justizfarce‹, sagte Deniz Yücel, Sprecher des PEN Berlin.« LINK

radio 3, Radio 3 am Nachmittag, Frank Schmid im Gespräch mit Thea Dorn, 27. März 2025: »Irgendwie dringt das dann doch immer zu dem, der einsitzt durch, dass da draußen jemand ist, dem das nicht egal ist. Wie zum Beispiel Nawalny in seinem Buch geschrieben hat aus dem Straflager in Russland, ist das erste, was solche Machthaber, die so schurkisch vorgehen, versuchen einem einzureden: Du bist vergessen, du kannst dir verrotten, da draußen kümmert sich keiner mehr um dich. Und erstmal denjenigen, der da sitzt, in dieser Unrechtssituation zu sagen: Nein, nein, du bist nicht vergessen. Das ist eine ganz wichtige Funktion.« LINK und AUDIO

3Sat, Kulturzeit, Bericht von Lotar Schüler, 27. März 2025: »Das Urteil ist gefällt. Fünf Jahre Haft für den algerisch-französischen Schriftsteller Boualem Sansal. Kulturstaatsministerin Claudia Roth: ›Jetzt muss unsere gemeinsame Forderung sein: die unmittelbare und unverzügliche Freilassung eines großartigen Schriftstellers und Intellektuellen.‹ Thea Dorn: ›Es ist ganz wichtig, dass es weiter ein öffentliches Bewusstsein für den Fall gibt. […] Weil das erste was in so einem System passiert, ist dass sie dem Inhaftierten erklären, du bist eh vergessen, für dich interessiert sich keiner mehr, du kannst hier bei uns verrotten.‹« LINK und VIDEO

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