Zur Gründung des PEN Berlin
Wir sind divers und nennen es Literatur
Von Herbert Wiesner

Sibylle Lewitscharoff, Daniel Kehlmann, Deniz Yücel (u.v.l.n.r.). Foto: Archiv
»Wir stehen im Wort. Wir wollen einen neuen PEN«. Dies sagt mit fester Stimme, aber ohne Geschrei eine rasch zu stattlicher Zahl angewachsene Gruppe literarischer Autorinnen und Autoren (mittlerweile mehr als 200), die vom Gothaer Desaster gehört haben oder sich nur mit tiefem Abscheu daran erinnern, wie Mitte Mai ein paar eher am Rande der Literatur stehende Schriftsteller in Gotha mit juristisch instrumentierten Aktionen nicht nur ein ganzes Präsidium zum Rücktritt gebracht, sondern auch kollegiale Bindungen und Freundschaften zerstört haben. Ein solches Schisma des deutschen PEN hat es seit 1933 und seit der Teilung Deutschlands nicht mehr gegeben.
Alibifiguren einer Clique
Angefangen hatte alles mit einer Rücktrittsforderung an den erst im vergangenen Herbst In der Frankfurter Paulskirche mit großer Mehrheit zum Präsidenten gewählten Publizisten und Welt-Autor Deniz Yücel. Vier ehemalige Präsidenten und die vorige PEN-Präsidentin Regula Venske hatten Yücels Rücktritt verlangt, weil er bei einer Veranstaltung in Köln öffentlich über die Schließung des Luftraums über der Ukraine nachgedacht hatte. Sie hatten ihrem Nachfolger verübelt, dass er für sich eben jene Freiheit des Wortes in Anspruch genommen hatte, die ein Schlüsselwort der Charta jener 1921 in London gegründeten internationalen Schriftstellervereinigung ist. Damit waren sie zu Alibifiguren einer Clique geworden, die sogar vor rassistischen Witzeleien nicht zurückscheute.
Hatten sie vergessen, dass sie sich für eben diesen 1973 in Flörsheim am Main geborenen Kollegen eingesetzt hatten, als der ehemalige deutsche Türkei-Korrespondent ein langes Jahr in einem türkischen Gefängnis saß? Josef Haslinger, deutscher PEN-Präsident von 2013-2017, hat seine Unterschrift unter jene öffentliche Rücktrittsforderung bereut und gehört jetzt einer kleinen, überwiegend von Frauen besetzten, provisorischen Präsidiumsgruppierung an, die versucht, zu retten, was zu retten ist. Ein satzungsgemäßes Ausschlussverfahren gegen leider nur drei Mitglieder des PEN-Zentrums Deutschland geht seinen Gang. Nur die Theaterautorin Maxi Obexer scheint in jener Darmstädter Runde für eine wirkliche Erneuerung zu stehen. Mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen.
Die Pläne des PEN Berlin

Ganz anders jetzt das Anliegen des sich in Gründung befindlichen PEN Berlin. Ich habe selten mehr Freude an Zukunft und Veränderung erlebt als in dieser von Minute zu Minute größer und gewichtiger werdenden Schar derer, die eine Neugründung den Reha-Bemühungen des in die Jahre gekommenen PEN Darmstadt vorziehen. Ich sage hier einmal »ich«, denn ich bekenne gerne, zu den Gründern von PEN Berlin zu gehören: Wir stehen im Wort – in rechtlicher und in literarischer Bedeutung.
Am kommenden Freitag wird im Literaturhaus Berlin der offizielle Gründungsakt vollzogen. Eine neue Satzung liegt vor. Sie deutet auf flachere Hierarchien und einen Verzicht auf Titel. Es wird nach dem Vorbild des internationalen PEN kein Präsidium geben, sondern ein paritätisch besetztes Board, das als Kollegialorgan fungiert, und dem Vereinsrecht zuliebe nach außen durch eine Sprecherin und einen Sprecher vertreten wird. Eva Menasse und Deniz Yücel sollen zunächst bis zur ersten Mitgliederversammlung im November des Jahres für PEN Berlin sprechen. Der eingetragene Verein arbeitet vergleichbar einer Non-governmental Organization (NGO). Für die Aufnahme in den PEN International haben sich PEN Ukraine und PEN Uganda als Bürgen angeboten. Daraus erwachsen ernsthafte Verpflichtungen. Wir stehen im Wort.
Berlin ist Programm
Der Name Berlins ist Programm. Von hier wurden Kolonien ausgebeutet, zwei Weltkriege und die Shoah geplant, heute steht diese Stadt für Weltoffenheit und Diversität, und nirgendwo leben so viele in ihren Sprachen schreibende Dichterinnen, Schriftsteller verschiedenster Medien, Publizierende und jene, die Texte ins Deutsche oder in andere Sprachen übersetzen. Nirgends gibt es so viele Veranstaltungen, in denen Literatur auch in ihrer Originalsprache vorgestellt wird. Dieses große Neben- und Miteinander von sich weitender »Weltliteratur«, diese »Poesie der Weite«, diese »Versuchung der Diversität«, die der große, frankophone Autor Édouard Glissant beschworen hat, ist der geistige Ort unseres neuen PEN.
Er wird sich Exilanten wie deutschen Autorinnen und Autoren öffnen. Thomas Mann hat in Amerika vom bedrohlichen »Herzasthma« des Exils gesprochen. PEN Berlin wird auch jene, die unter dieser Krankheit leiden, zu sich aufnehmen, nicht als Schutzbefohlene, sondern als gleichberechtigte Mitglieder, von denen wir lernen können. Das Miteinander der Sprachenvielfalt kann nicht ohne literarästhetische Folgen bleiben; darüber müssen wir nachdenken.
Das von PEN Darmstadt betreute und von der Kulturstaatsministerin finanzierte Writers-in-Exile-Programm wird in den kommenden Jahren auf eine viel breitere Basis gestellt werden müssen. Zehn oder zwölf Stipendien werden auf Dauer nicht ausreichen. Vielleicht müssen dafür ganz neue Programme entwickelt werden. Der neue PEN will niemandem etwas streitig machen, schon gar nicht den ferner gerückten Mitgliedern des alten PEN. Aber deutsch Schreibende und alle, die in Deutschland schreiben, können mit der Unterstützung durch PEN Berlin rechnen. Es herrscht Aufbruchstimmung. Wir stoßen Türen auf. Wir bleiben im Wort und stehen ein für unseren neuen PEN Berlin.
Herbert Wiesner, geboren 1937, leitete bis 2003 das Literaturhaus Berlin und wirkte von 2009 bis 2013 wirkte er als Generalsekretär des PEN-Zentrum Deutschland. Dieser Beitrag erschien zuerst am 7. Juni 2022 in der Welt.