Eröffnungsreden bei der Kundgebung »Gewalt beginnt, wo das Reden – Für eine starke Zivilgesellschaft in Klütz und überall«
29. September 2025, Marktplatz von Klütz (Mecklenburg)
[Geringfügig redigierte Abschrift der Videoaufzeichnung]
Kein Ufo aus Berlin, sondern ein Angebot an Klütz
Thea Dorn: Doch, hier ist etwas passiert

Guten Abend beziehungsweise Moin Klütz! Ich eröffne hiermit die Kundgebung, die den Titel trägt »Gewalt beginnt, wo das Reden« aufhört. Und damit wir hier heute in ein konstruktives Reden kommen, ist das wahrscheinlich kein Fehler, wenn ich erstmal ein paar Missverständnisse versuche auszuräumen, die in den letzten Tagen unterwegs gewesen sind und wir kennen das Spiel, das lausige Spiel, das Demokratien zerlegt: Man verschanzt sich im Internet in seinen jeweiligen Foren und man beschimpft sich, man unterstellt, anstatt dass man miteinander redet. Der Song, den Sie eben gehört haben, hieß »Freedom is a Verb«, zu gut Deutsch: »Freiheit ist ein Tätigkeitswort.«
Und ich glaube, das, was wir hier heute tun können, ist im günstigsten Fall, genau das: Freiheit als Tätigkeitswort.
Das erste Missverständnis, das ich ausräumen möchte: Ich habe irgendwo gelesen, »da kommen jetzt diese Berliner und diese Berliner überrollen Klütz«. Na, sieht das gerade so aus? Ich weiß nicht.
Wir sind PEN Berlin, ich bin übrigens Thea Dorn, die Sprecherin. Der Herr neben mir ist Deniz Yücel, die andere Sprecherin dieses Vereins. Ja, wir haben uns vor drei Jahren in Berlin gegründet. Viele unserer Mitglieder leben in Berlin, aber noch mehr Mitglieder leben ganz woanders, in Ostdeutschland, in Westdeutschland, in Norddeutschland, in Süddeutschland und – Sie werden es nicht glauben – einige leben sogar in Österreich. Wir sind eine deutsche, gesamtdeutsche Schriftstellervereinigung mit 700 Mitgliedern und damit eine der größten Schriftstellervereinigungen, die es in diesem Land gibt.

Wir haben etwas unterlassen, was Menschen, die Kundgebungen anmelden, gerne tun: Sie mieten Busse und karren ihre Leute aus Berlin, aus Hamburg an, damit sie einen Ort überrollen. All das haben wir nicht gemacht, weil wir mit ihnen nachher ins Gespräch kommen wollen.
Das zweite Missverständnis, über das ich viel gelesen habe, ist, dass wir intendiert oder gar gefordert hätten, dass der Bürgermeister von Klütz zurücktritt. Nichts dieser Art ist der Fall.

Wir haben eine Pressemitteilung herausgegeben, in der wir gesagt haben, hier ist ein Vorfall passiert – auf den ich gleich zu sprechen kommen werde –, zu dem wir Nein sagen. Und wir möchten verstehen, wie es zu diesem Vorfall gekommen ist.
Dazu wird Deniz Yücel mehr sagen, weil er heute zum zweiten Mal in Klütz ist. Wir haben, das sei in aller Deutlichkeit gesagt, allen Respekt vor den Menschen, die sich hier in Klütz und anderswo ehrenamtlich in der Politik engagieren. Wir sind auch ein Ehrenamtsverein. Wir wissen, was es bedeutet, ehrenamtlich tätig zu sein. Und in diesem Sinne haben wir selbstverständlich Respekt. Was aber nicht geht ist – und das war etwas, was ich auch gehört habe – »Na ja, ist denn überhaupt etwas passiert? Ist da nicht irgendwas einfach nur medial hochgejazzt worden? Eigentlich war da doch gar nichts.«
Doch, da war was. Hier ist etwas passiert. Und ich versuche, dieses Missverständnis vielleicht in einem doppelten Schritt aufzuklären. Ich lade Sie zu einem kleinen Gedankenexperiment ein: Stellen Sie sich vor, Sie werden in eine Stadt, die Sie nicht kennen, eingeladen von jemandem. Sie sind vielleicht neugierig, vielleicht freuen Sie sich darauf, das kennenzulernen. Und auf einmal kriegen Sie einen Anruf von der Person, die Sie eingeladen hat und sagt: »Passen Sie mal auf, Sie können jetzt leider doch nicht kommen. Irgendwie sind Sie da nicht richtig erwünscht; irgendwie will man Sie da nicht. Bleiben Sie lieber weg.« Wie würden Sie sich fühlen, wenn Ihnen sowas passiert?
Und ich lade Sie zu einem noch größeren Gedankenexperiment ein. Stellen Sie sich vor, Ihre Eltern gehörten zu den Menschen, die von den Deutschen hätten umgebracht werden sollen. Ausgerottet, ermordet, industriell vernichtet, nur weil Sie zufällig als Juden geboren worden sind. Stellen Sie sich weiter vor, Ihre Eltern haben diese Mordmaschinerie nur deshalb überlebt, weil ein Mann – da ist das Wort Zivilcourage zu klein – wirklich Mut hatte, gesagt hat, er stellt sich dieser Mordmaschinerie entgegen und diese Eltern von Michel Friedman gerettet hat. Nur deshalb ist er im Leben.

Und wenn Sie sich das klar machen, fragen Sie sich bitte nochmal, wie es Ihnen gehen würde, wenn Sie erfahren, Sie sind in diesem wunderschönen Ort hier plötzlich irgendwie – ich will nicht über die Gründe spekulieren –nicht erwünscht. Das ist nun der Punkt, warum wir hier stehen: Das war keine private Ausladung. Wenn ein öffentlicher Intellektueller von einem Literaturhaus, was ein öffentlicher Ort ist, ein Ort einer Demokratie, ausgeladen wird, ist das ein Punkt, wo wir als ein Verein aktiv werden. Andere Vereine versuchen das Weltklima zu retten, wir versuchen das Meinungsklima zu retten.
Dieser Verein ist deshalb aktiv geworden. Und ich kann Ihnen versprechen, wir werden nicht nur aktiv, wenn sowas hier wie in Klütz geschieht. Wir haben auch sehr deutliche Worte gefunden, als etwa der israelische Botschafter sich eingemischt hat und dem Leiter der Gedenkstätte Buchenwald vorschreiben wollte, wer reden darf und wer nicht reden darf in diesem Frühjahr. Wir machen da den Mund genauso auf.
Denn, noch ein letzter Gedanke von mir: Ich bin sicher, hier stehen einige auf dem Platz, die in der letzten Zeit auch Meinungen, Ansichten hatten, von denen Sie den Eindruck haben, Sie sind in diesem Land minoritär, nicht erwünscht, man darf sie nicht richtig aussprechen. Unser Verein hat im vergangenen Jahr eine große Veranstaltungsreihe gemacht in den Bundesländern, in denen Landtagswahlen waren: »Das wird man ja wohl noch sagen dürfen« – über den Zustand der Meinungsfreiheit in Deutschland.
Sei es Corona, sei es der Ukraine-Krieg, die Themen liegen auf der Straße. Und wenn man glaubt, Meinungsfreiheit gilt immer nur dann, wenn die eigene Meinung gerade nicht so richtig gehört werden soll, dann täuscht man sich. Halbierte Meinungsfreiheit oder Meinungsfreiheit, wenn es nur um die eigene geht, ist keine Meinungsfreiheit, sondern es ist gar keine Meinungsfreiheit.
Deniz Yücel: Das Grundgesetz gilt in Kreuzberg, in Kiel und hier in Klütz

Danke, Thea. Guten Abend, Klüls. Thea sagte es gerade, ich bin heute schon zum zweiten Mal in Klütz, innerhalb einer Woche. Ich glaube, ich könnte mich daran gewöhnen. Es ist schön hier.
Das letzte Mal, als ich hier war, es war exakt vor einer Woche, kam ich nicht, um zu reden, sondern um zuhören, um zuzuhören. Es tagte die Stadtvertretung und sowohl für einigen Mitglieder der Stadtvertretung als auch für Menschen außerhalb, die an dieser Sitzung teilnahmen und die es aufrichtig bedauert haben, dass Michael Friedmann aus Klütz ausgeladen worden war, stellten sich zwei Fragen.
Die erste Frage lautete: Gibt es irgendwie einen Weg, Michael Friedman doch nach Klüzt zu bekommen? Nun, die Antwort ist das hier und Sie sehen, Sie haben ihn schon gesehen, Michael Friedman ist hier.
Die zweite Frage, darüber hinaus in der Stadtvertretung gestellt wurde, lautete, wie kommen wir als Klütz aus dieser Geschichte wieder raus? Und auch darauf ist diese Kundgebung die Antwort. Denn, davon bin ich überzeugt, der einzige Weg oder der richtige Weg in einer Demokratie ist: Wenn es einen Konflikt gibt, ist der Weg da herauszukommen, ist nicht Schwamm drüber zu sagen, sondern die Auseinandersetzung zu führen, das Gespräch zu führen, auch im Streit.
Aber auch deshalb ist diese Kundgebung die Antwort auf die Frage, wie kommt Klütz hier raus? Thea hat das eben schon erwähnt, ich möchte das gerne wiederholen: Deshalb ist diese Kundgebung hier kein Ufo, das aus Berlin oder Hamburg gelandet ist. Das ist ein Angebot an Sie, an die Klützerinnen und Klützer.

Als ich nach letzter Woche nach Klütz kam, wollte ich natürlich die Stadtvertretung hören. Und ich war auf der Suche nach Menschen, die es nicht richtig fanden, wie hier mit Michael Friedman umgegangen wurde. Und ich bin sehr froh, diese Menschen gefunden zu haben. Wir haben denen, ich habe denen gesagt: »Wir möchten das mit euch zusammen machen. Und wir hören euch zu: Was ist euer Zugang; was ist das, was euch bewegt?«
Ich bin wirklich froh, dass wir diese Menschen gefunden haben. Aber auch hierüber sollten Sie sich nicht täuschen. Wir hätten diese Kundgebung hier auch gemacht, wenn der ganze Ort dagegen gewesen wäre.
Denn bei aller Liebe zu regionalen Besonderheiten, Eigenheiten – ich bin sehr gegen Gleichmacherei. Aber ich bin sehr dafür, dass ein paar Prinzipien überall gelten. Und das wichtigste Prinzip ist das Grundgesetz. Dieses Grundgesetz gilt in Kreuzberg, wo ich lebe und von wo ich heute Morgen aufgebrochen bin. Das gilt in Kiel und das gilt selbstverständlich auch hier in Klütz.
Aber wäre an diesem Montag in der Stadtverordnetenversammlung ein anderer Beschluss gefasst worden, wir wären heute nicht hier.

Noch eine Sache: Es geht hier nicht nur um Klütz. Für uns reiht sich dieser Vorgang – Michael Friedman und Klütz – ein in eine lange Reihe von ähnlichen Vorgängen, von Ausladungen, von Cancelling. Damit Sie mich nicht falsch verstehen, natürlich hat Michael Friedman keinen Anspruch darauf, hier in Klütz zu reden. Niemand hat einen solchen Anspruch: Es gibt kein Menschenrecht auf einen Gastvortrag an der Universität Leipzig, auf einen Gastvortrag an der Universität Köln, auf einen Vortrag an der Gedenkstätte Buchenwald und, und, und.
Aber in Deutschland ist die Kultur so geregelt – und ich finde: sehr klug geregelt –, dass der Staat die Autonomie der Kultur fördert. Wir haben in diesem Land keine Staatskultur und dafür bin ich dankbar. Und ich hoffe, dass heute Abend hier von über diese Klütze-Ebene, die es natürlich auch gibt, hinaus die Botschaft an das Land, in die Republik hinausgeht: Das nächste Mal, wenn jemand eine Einladung wieder rückgängig machen möchte, eine Preisverleihung canceln möchte, wo auch immer, warum auch immer, dass diese Verantwortlichen sich denken: Gott, ich lasse ich lieber mit der Ausladung, weil nachher habe ich noch größeren Ärger.
Ich bin immer sehr dafür, dass Menschen aus Einsicht, aus Überzeugung das Richtige tun und das Falsche unterlassen. Aber notfalls ist es auch okay, wenn sie aus Muffensausen das Falsche unterlassen. Ich danke Ihnen.
Thea Dorn: Wir wollen ins Gespräch kommen – und das meinen wir sehr wörtlich

Wir haben gesagt, dass wir mit Ihnen ins Gespräch kommen wollen, und das meinen wir sehr wörtlich. Wir werden jetzt ungefähr 20 Minuten hier auf diesem Podium, die drei Gäste, die ich Ihnen gleich vorstelle, werden wir diskutieren und dann gibt es hier unten auf dem Platz, den einen haben Sie jetzt schon gesehen, Deniz Yücel und ein anderes Vereinsmitglied, werden mit zwei Mikrofonen unten auf dem Platz sein. Das heißt, jeder, der etwas sagen möchte, wird dazu die Gelegenheit haben. Je nachdem wie viele es sind, vielleicht nicht alle, weil die Veranstaltung ist nur bis 19 Uhr angemeldet.

Damit möglichst viele zu Wort kommen, gibt es eine Spielregel, die heißt: Niemand kann länger reden als drei Minuten. Und eine zweite Spielregel: Es darf hier scharfer Dissens geäußert werden; es darf Kritik in jeder Form selbstverständlich geäußert werden. Aber bitte in der zivilisierten Form, in der wir hier bisher auch aufgetreten sind.
Und da kann ich mich dem, was Deniz gesagt hat, anschließen, ich würde es vielleicht ein bisschen anders formulieren. Mich haben viele gefragt: »Warum fährst du dahin, muss das überhaupt sein, es bringt doch alles nichts.« Nein, ich beobachte mit einer riesigen Sorge und ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wie in Ländern, gucken wir nur in die USA, wie diese Eskalation immer weiter voranschreitet. Aber wenn es uns heute Abend hier gelingt, mit dieser verfahrenen Situation konstruktiv und zivilisiert umzugehen, dann haben wir etwas geschafft, das tatsächlich was ganz besonderes ist.