Pressemitteilung vom 3. Juli 2026
Verhaftung von Deniz Göktaş in der Türkei: Satire ist kein Verbrechen

Die Autorenvereinigung PEN Berlin protestiert gegen die Verhaftung des türkischen Comedians Deniz Göktaş.
Vergangene Woche hatte der 32-jährige Comedian die komplette Abschlussveranstaltung seines Programms Ölü Deniz (doppelte Bedeutung »Totes Meer«und »Toter Deniz«) werbefrei auf YouTube hochgeladen. Bis Freitagmittag wurde der Beitrag knapp zehn Millionen Mal geklickt. Göktaş ist eine Stimme seiner Generation; seine Witze sind so, wie Satire sein soll: Gegen alle und jeden, auch gegen sich selbst und das alevitisch-linke Milieu, dem er entstammt. Neben zahlreichen anderen Figuren des politischen und öffentlichen Lebens nimmt Göktaş in diesem Programm auch Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan und den Islam aufs Korn – keineswegs auf eine volksverhetzende, sondern auf intelligente Art. Doch Kritik an den Mächtigen, gar Spott über sie, gilt im Erdoğan-Regime als Verbrechen.
Bald nach der Veröffentlichung des Videos starteten Politiker und Propagandisten der AKP eine Kampagne gegen ihn und drohten teils offen mit Gewalt. Die Staatsanwaltschaft ließ nicht lange auf sich warten und eröffnete ein Ermittlungsverfahren. Der Verdacht: »Verunglimpfung religiöser Werte« und »Beleidigung des Staatspräsidenten«.
Deniz Göktaş musste also wissen, was ihn erwarten konnte, als er am Donnerstag von einem Auslandsurlaub in die Türkei zurückkehrte. Er tat es dennoch, wofür wir ihm unsere Hochachtung zollen.
Und natürlich ist die heute verfügte Untersuchungshaft – die übrigens selbst nach geltendem türkischen Recht rechtswidrig ist – nicht bloß das Fehlurteil eines irregeleiteten Istanbuler Gerichts. Angesichts der totalen Kontrolle der türkischen Justiz durch das Erdoğan-Regime und eingedenk der Wellen, die dieser Fall in der Türkei in den vergangenen Tagen geschlagen hat, muss man davon ausgehen, dass der Präsident persönlich die Untersuchungshaft angeordnet hat. »Diese Richter und Staatsanwälte sind Erdoğans Schlägertrupps in Richterroben«, sagte PEN-Berlin-Sprecher Deniz Yücel.
In dieser Show hatte sich Deniz Göktaş über Erdoğans Entwicklung von einem »verklemmten Diktator« zu einem »Diktator, der mit sich selbst im Reinen ist« lustig gemacht. Seine Verhaftung zeigt auf traurige Weise, wie recht Göktaş damit hatte: Ein Diktator ist, wer Leute einsperrt, die ihn als Diktator bezeichnen.
Friedrich Merz in Ankara
In den kommenden Tagen will Bundeskanzler Friedrich Merz zum Nato-Gipfel nach Ankara reisen. Mit Blick auf diese bevorstehende Reise sagte Deniz Yücel: »US-Präsident Donald Trump hat erklärt, er werde nur Erdoğan zuliebe persönlich an dem Gipfel teilnehmen. Wir würden es sehr begrüßen, wenn der Bundeskanzler allein wegen dieses Hafturteils auf seine persönliche Teilnahme verzichten würde. Andererseits rechnen wir nicht damit. Vielleicht nutzt der Kanzler, der nichts dagegen hat, wenn in Deutschland an seine Person adressierte Bemerkungen wie Lügenfritz‹ oder ›Pinocchio‹ zu strafrechtlichen Konsequenzen führen, sogar die Gelegenheit, sich mit Trump und Erdoğan darüber auszutauschen, wie man Kritik und Spott an den Mächtigen effektiv unterbinden kann. Und wem dieser Witz zu überzogen ist, sollte sich fragen, warum 2021 ein Straftatbestand namens Politikerbeleidigung – §188 StGB – ins deutsche Strafrecht aufgenommen wurde, der seither zu tausenden Ermittlungsverfahren und etlichen abstrusen erstinstanzlichen Urteilen geführt hat.«
PEN Berlin. Wir stehen im Wort.