Deniz Yücel: Angst auf allen Seiten

Gastbeitrag in der Süddeutschen Zeitung, 16. September 2026

Angst auf allen Seiten

Welche Partei versucht gerade wirklich, mit einem Untergangssound Stimmen zu gewinnen? Und ist es wahr, dass die Menschen nicht mehr miteinander reden wollen? Beobachtungen aus der ostdeutschen Provinz

Von Deniz Yücel

Deniz Yücel
Aron Boks, Deniz Yücel (stehend), Kathleen Kröger, Lukas Rietzschel (sitzend). Wittenberg, Stadtwohnzimmer, 12.08.2026 | Foto: PEN Berlin

»Angst ist kein Programm«, verkündete die im Straßenwahlkampf in Sachsen-Anhalt bemerkenswert präsente Kleinpartei Volt. Ja, Angst ist kein Programm. Aber in Sachsen-Anhalt war es zur Abwechslung nicht die AfD, die versuchte, Ängste zu säen und damit Stimmen zu ernten. Passend zu ihrem Strahlemann Ulrich Siegmund und im Vertrauen darauf, dass die Ängste ihrer Wähler gefestigt genug sind, verkündete sie frischfröhlich: »Alles ist möglich«. Das klang nach Aufbruch, nach Attac und Toyota, frei von dem wütenden Untergangssound, mit dem diese Partei groß geworden ist.

Stattdessen waren es die SPD und die Grünen, die auf den letzten Metern des Wahlkampfs auf eine vorhandene Angst – auf die Angst vor einer absoluten Mehrheit der AfD – setzten und möglicherweise dank dieser Angstkampagne die Fünf-Prozent-Hürde überwanden.

Daran knüpft Manuela Schwesig in Mecklenburg-Vorpommern nahtlos an: »Ich bitte um die Stimmen von allen, die verhindern wollen, dass die AfD die Macht übernimmt«, postete die sozialdemokratische Ministerpräsidentin am Tag nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Angstgetriebene Politik führt zu angstgetriebener Politik – eine hübsche Pointe, die man aber nur amüsant finden kann, wenn man die Folgen einer solchen Emotionalisierung des Politischen ausblendet. Oder wie der Siegener Politikwissenschaftler Philip Manow vor einigen Jahren schrieb: »Der Populismus fördert Paranoia auf allen Seiten.«

Für diese Beobachtung mussten wir, die Autorenvereinigung PEN Berlin, indes nicht wochenlang zwischen Dessau und Demmin reisen; vielmehr stand exakt diese Annahme am Anfang unserer Veranstaltungsreihe zum Thema Heimat (»Ist das noch|schon mein Land?«), mit der wir seit Anfang August in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern unterwegs waren und die diese Woche ihren Abschluss in Berlin findet. Unser Ausgangspunkt war, dass viele Themen, die die Deutschen bewegen, mit Ängsten zu tun haben: die Angst vor dem wirtschaftlichen Niedergang des Landes, die Angst vor unkontrollierter Zuwanderung, die Angst vor dem Rechtsextremismus, die bange Frage, ob Wohnraum bezahlbar und Gesundheitsversorgung auch für gesetzlich Versicherte erreichbar bleibt, und, und, und. Kurz: die Angst vor dem Verlust des Vertrauten. Oder, wie es der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse in Parchim formulierte: »Entheimatungsbefürchtungen«.

Thea Dorn
Anna Schwanz (Mod.), Lutz Trümper, Thea Dorn. Oschersleben, Burgsaal, 22.08.2026 | Foto: PEN Berlin

Das Konzept: moderiertes Gespräch mit zwei Podiumsgästen, sehr viel Publikumsbeteiligung. Insgesamt 80 Veranstaltungen, in Theatern, Kulturzentren und Literaturhäusern, aber auch in Sälen, in denen sonst Hochzeiten gefeiert werden, oder auf Bühnen, auf denen Tributebands auftreten. Außerdem beim VfB Sangerhausen und ATSV Güstrow, bei der Winzervereinigung Freyburg-Unstrut, im Bootshaus in Weißenfels oder bei der Freiwilligen Feuerwehr in Pasewalk. Mit demselben Konzept waren wir Anfang des Jahres in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz unterwegs, mit einem anderen Thema (Meinungsfreiheit), im Sommer 2024 in Sachsen, Thüringen und Brandenburg. Wir haben also eine brauchbare Grundlage, um zu beurteilen, was sich in Ostdeutschland in den vergangenen zwei Jahren geändert hat. Der Befund: Es ist alles viel schwieriger geworden.

Nun bemisst sich das Gelingen einer Veranstaltung nicht daran, wie viele AfD-Wähler teilnehmen. Und weder wissen wir von allen Zuschauern, was sie wählen, noch sind alle, die nicht die AfD wählen, eine gleichförmige Masse. Doch anhand der Wortmeldungen in der Publikumsdiskussion sowie aus Gesprächen mit Zuschauern, die wir nach der Veranstaltung fortsetzen – mal im Restaurant, mal bei Pizza aus dem Pappkarton –, wissen wir: Es kommen weniger AfD-Wähler als vor zwei Jahren. Und wenn sie kommen, ergreifen sie seltener das Wort. Und das, obwohl der Zuspruch der AfD seither allenthalben gestiegen ist, obwohl wir nicht nur in klassischen Kultureinrichtungen gastieren, obwohl wir auch Gäste dabeihaben, die wohl nichts gegen die Bezeichnung »Brandmauerkritiker« einwenden würden. Und obwohl wir immer alle Bürgermeister und Stadträte (ja, alle) persönlich einladen.

Die Beobachtung: Es gibt weniger Geduld miteinander

PEN Berlin
Publikumsdiskussion im  Vereinslokal des VfB Sangerhausen, 24.08.2026 | Foto: Janek Grothaus

Woran liegt das? Entweder, das kann ich nur vermuten, weil man so siegesgewiss ist, dass man es nicht für nötig befindet, sich zu erklären. Oder weil man denkt, die anderen würden eh nur abwehren. Oder weil man ohnehin einer Deutschland-kaputt-Stimmung frönt. Oder alles auf einmal.

Wenn aber AfD-Wähler kommen und sich an der Publikumsdiskussion beteiligen, dann ist die Bereitschaft der anderen, ihnen zwei Minuten aufmerksam zuzuhören, ohne abwehrend die Köpfe zu schütteln, in Gegrummel auszubrechen oder dazwischenzurufen, geringer. Dabei muss es nicht mal eine explizite AfD-Position sein. In der Volkshochschule einer schwäbischen Kleinstadt kann es schon reichen, wenn eine ältere Frau erzählt, sie fühle sich in der Innenstadt, in der sie wohnt, abends auf der Straße unsicher und ihr bereiteten die dort herumlungernden jungen Männer »mit südländischem Aussehen« Angst – damit gefühlt die Hälfte der mehr als hundert anderen Zuschauer verbal über sie herfällt. Da kann die Frau noch so sehr beteuern, dass sie nicht AfD wähle, unwirsche Belehrungen der anderen, dass ihre Wahrnehmung falsch, Zuwanderung ökonomisch notwendig und kulturell bereichernd sei und alle Probleme nur Folge einer fehlgeleiteten Politik seien, sind ihr gewiss.

Auch in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern ist es mit der Geduld nicht weit her. Nur ist es weniger Empörung über eine als irgendwasistisch und somit als unzulässig empfundene Aussage, über ein »AfD-Narrativ«, das da jemand bediene und das sofort »richtiggestellt« werden müsse. Es ist die Angst, die die Leute ungehalten macht – die Angst vor der AfD.

Angst ist kein Programm, aber Realität. Man kann diese Angst vor einem neuen Dreiunddreißig für sehr berechtigt halten oder für vollkommen überzogen, aber sie ist nicht minder echt als die Ängste, die Wähler zur AfD treiben. Sie allein für eine Marotte großstädtisch-akademischer Milieus zu halten, ist seinerseits großstädtisch-akademische Borniertheit.

PEN Berlin
Publikumsdiskussion mit Aron Boks (stehend). Freyburg, Weinwelt Anisium, 14.08.2026 | Foto: PEN Berlin

Verhärtung und Polarisierung gab es auch schon vor zwei Jahren. Aber damals hörten wir von Besuchern gerade nach kontroversen Diskussionen: »Ich hätte nicht gedacht, dass so ein Gespräch noch möglich ist. Jetzt habe ich gesehen: Geht doch.« Doch dieses »Geht doch« geht kaum noch, so zumindest unser Eindruck.

Selbst in einer sachsen-anhaltischen 20 000-Einwohner-Kleinstadt konnten wir beobachten, wie ein Stadtrat der AfD und einer der SPD fast zwei Stunden an einem Tisch saßen, ohne ein einziges Wort miteinander zu wechseln und nur übereinander und nur über Dritte – in diesem Fall: über mich und meine Kollegen Aron Boks und Marie Eisenmann, die bei allen Veranstaltungen dabei waren – miteinander zu sprechen. Obwohl der AfDler in diesem Fall wirklich nicht auf Krawall gebürstet war, nicht ressentimentgeladen auftrat und sich beide kannten – aus ihrer gemeinsamen ehrenamtlichen Arbeit in einem Gemeindehaus. Der eine hat dort früher die Technik gemacht, der andere das Programm. Heute sind beide im Stadtrat und grüßen sich nicht mehr. Woran das liege? »Ich bin Christ, ich mache Kultur, ich bin schwul, er will alles vernichten, was mich ausmacht«, sagt der SPD-Stadtrat. Sein früherer Mitstreiter will ihn vernichten? »Er nicht. Aber seine Partei.« Ob sein Gegenüber diese Angst versteht? »Nein«, antwortet der AfD-Mann. »Wie soll ich das verstehen, wenn er nicht mit mir spricht?«

PEN Berlin
Aron Boks (stehend) bei der Publikumsdiskussion. Kloster Bernburg, 21.08.2026 | Foto: PEN Berlin

Sachkundiger gibt sich Ulrich Siegmund: »Warum sollte jemand Angst vor einer neuen demokratischen Entwicklung haben?«, sagte er kürzlich im Podcast »Ungeskriptet« von Benjamin Berndt. »Und ich frage diese Leute und ich finde keine Antworten. Das Einzige, wovor sie Angst haben, ist, dass sie die institutionelle Förderung verlieren.« Das klingt nicht mehr nach Sonnyboy, sondern nach Siegerarroganz. Mit wem auch immer er gesprochen haben will, offenbar war niemand darunter, der als junger Mensch die Wendejahre in der ostdeutschen Provinz miterlebt und nicht Teil der rechtsextremen Jugendkultur war.

Auf unseren Gesprächsabenden waren genau diese Erinnerungen immer wieder Thema: beim Schauspieler Charly Hübner, der im mecklenburgischen Neustrelitz aufgewachsen ist, bei Reiner Holznagel, dem Präsidenten des Bunds der Steuerzahler, der aus dem vorpommerschen Pasewalk stammt, bei der Schriftstellerin Manja Präkels, die ein bisschen weiter südlich, im brandenburgischen Zehdenick groß geworden ist und über diese Zeit einen sehr lesenswerten Roman geschrieben hat (»Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß«), bei etlichen Zuschauerinnen und Zuschauern, bei denen angesichts der AfD-Wahlerfolge Erinnerungen an die »Baseballschlägerjahre« wach werden.

PEN Berlin
Publikumsdiskussion im Stendaler Dom, 23.08.2026 | Foto: PEN Berlin

Dieses gegenseitige Unverständnis heißt aber offenbar nicht, dass die Nicht-AfD-Wähler die Abwesenheit der anderen nicht bedauern würden, im Gegenteil. Falls es bei einer Veranstaltung mal wieder so aussah, als sei man »unter sich« – weil man kurz mal alle Unterschiede zwischen, sagen wir, BSW- und Grünen-Wählern beiseitewischte –, war mehrfach Thema, dass »die anderen« zu so einem Abend nicht kommen würden. Dies sei bedauerlich, denn so könne man sie leider nicht »stellen«. Dass »die anderen« genauso wenig »gestellt« werden möchten wie man selbst und dass der Wunsch, sein Gegenüber zu »stellen«, eher keine optimale Gesprächsgrundlage ist – dieser Gedanke liegt offenbar nicht für jeden nahe.

Mag sein, dass in noch kleineren Orten die »Brandmauer«, sofern sie je existiert hat, längst geschleift ist. Aber die geschilderte Beobachtung aus der sachsen-anhaltischen Kleinstadt deckt sich mit dem, was Menschen im Publikum, teils auch als Podiumsgäste aus Sport- und Feuerwehrvereinen erzählen: Man kann noch immer zusammen Brände löschen oder Fußball spielen, solange man hinterher beim Bier nicht über politische Themen spricht. Man weiß, wie der andere politisch tickt, man akzeptiert das auch. Denn obwohl die Gesellschaft – die hohe Wahlbeteiligung legt davon ein Zeugnis ab – politisierter ist als seit Jahrzehnten, erscheint ein Austausch darüber zwecklos.

Warum wir das trotzdem versuchen? Weil die Demokratie ohne eine gemeinsame Öffentlichkeit, ohne das Ringen um den »zwanglosen Zwang des besseren Arguments«, wie es bei Jürgen Habermas heißt, auf Dauer nicht funktionieren kann. Weil die digitale Öffentlichkeit, die ich nicht für Teufelswerk halte, das Gespräch – und den Streit – von Angesicht zu Angesicht bestenfalls ergänzen, aber nicht ersetzen kann. Weil Zivilgesellschaft nicht ein permanent tagender Kirchentag ist und nicht nur dort stattfindet, wo man sich dieses Etikett anheftet, sondern der Ort, an dem Dissens und Konsens hergestellt werden. So mühsam das oft ist. Und weil sich Angst nicht wegleugnen, aber vielleicht mildern lässt, wenn man über sie spricht.

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner