Iran-Rede von Deniz Yücel: Am Ende steht doch die Freiheit, oder?

Rede auf dem Iran-Abend »Steht am Ende die Freiheit?«
Eine Veranstaltung des PEN Berlin im Rahmen des internationalen literaturfestivals berlin
Haus der Berliner Festspiele, 11. September 2026

Am Ende steht doch die Freiheit − oder?

Von Deniz Yücel

Deniz Yücel
Deniz Yücel bei seiner Eröffnungsrede | Foto: Ali Ghandtschi

»Vergesst nie: Alle Diktaturen sind gleich«, schrieb die kürzlich viel zu jung verstorbene Marjane Satrapi – weltbekannt geworden durch ihre Graphic Novel Persepolis – im Frühjahr 2024 in einem Interview. »Noch in der Nacht, bevor sie fallen, sagen alle: ›Sie sind so stabil, es ist unmöglich, dass sie fallen.‹ Dann fallen sie – und alle fragen sich: Wie konnten sie sich nur so lange halten?«

Dieser Befund ist eine interessante Umkehrung von Tolstois Einstieg aus Anna Karenina. Demnach wären alle Demokratien auf ihre Weise demokratisch, während alle Diktaturen einander glichen.

Vor allem aber hat dieser Gedanke, die Geschichte diktatorischer oder autoritärer Regime von ihrem Ende her zu denken, etwas ungemein Tröstliches: Ganz gleich, wie die Tyrannei wütet, wie viele Menschen sie der Freiheit, der Hoffnung und im schlimmsten Fall des Lebens beraubt, wie viele Menschen sterben, noch ehe sie ihre erste Liebe ausleben konnten − am Ende kommt es so, wie früher in einer Vorabendserie des ZDF oder noch früher in der Geschichtsphilosophie. Am Ende siegt das Gute. »Ja«, würde also Hegel auf die Frage des heutigen Abends antworten. Oder in seinen Worten: »Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit.«

Derlei trotzig tröstliche Zuversicht mag unter Exiliranern, oft auch unter ihren Kindern und Kindeskindern, sehr verbreitet sein. Aber sie findet sich ebenso bei Menschen, die in einer Diktatur gegen die Diktatur kämpfen. Wie auch sonst? Es gibt keine Revolution ohne Pathos und vermutlich auch keine ohne eine Prise Kitsch. Und sicher gibt es keine Revolution ohne Hoffnung.

Insbesondere im Zusammenhang mit der Türkei, aber auch mit dem Iran habe ich denselben Gedanken schon keine Ahnung wie oft auf Papier gebracht oder in Mikrofone gesprochen: »Diktaturen sind zäher, als es Demokraten oft wahrhaben möchten – aber auch nicht so langlebig, wie es die Herrscher gerne hätten.«

Das klingt gut – erst recht an einem Abend wie diesem. Die Frage ist nur: Stimmt das denn wirklich? Meine Antwort lautet, ganz ehrlich: Ich weiß es nicht.

Geschichte des Aufbegehrens ist und der blutigen Niederschlagung

PEN Berlin Iran
Literarisches Panel mit Aidin Halimi, Shida Bazyar, Ronya Othmann, Linn Penelope Rieger (Mod.) (v.l.n.r.). ilb, Haus der Berliner Festspiele, 11.09.2026 | Foto: Ali Ghandtschi

Nun war ich in den vergangenen Wochen im Rahmen einer Gesprächsreihe des PEN Berlin in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern unterwegs. Ich kann also nicht ausschließen, dass diese etwas ratlose und wenig optimistische Antwort von diesen Eindrücken zwischen Sangerhausen und Pasewalk getrübt ist.

Aber auch die jüngsten Entwicklungen im Iran geben wenig Anlass zur Hoffnung. Und vielleicht gibt es überhaupt kein anderes Land, dessen jüngere Geschichte die Zweifel daran, dass am Ende wirklich die Freiheit steht, so sehr nährt wie die iranische, die eine Geschichte des Aufbegehrens ist und ebenso leider eine Geschichte der blutigen Niederschlagung von Aufständen: die Studentenproteste 1999, die Grüne Revolution 2009, die Benzinproteste 2019, die Jin-Jiyan-Azadi-Bewegung 2022, schließlich die Proteste um die Jahreswende 2025/26.

Die Abstände zwischen den Protesten sind immer kürzer geworden, die Reaktionen des Regimes immer entfesselter, bis zu dem brutalen Massaker im Januar dieses Jahres.

All das zeigt: Die Mullahs sind gescheitert. Ayatollah Khomeini und die Seinen wollten nicht nur die politische Macht und die wirtschaftliche Ordnung umgestalten. Sie wollten einen neuen, nach ihren Vorstellungen »islamischen« Menschen erschaffen und das Denken, Fühlen und Begehren ihrer Untertanen dauerhaft in einem explizit antiwestlichen, antiindividualistischen und antiaufklärerischen Sinne verändern. Das ist ihnen offensichtlich nicht gelungen.

Wie groß die Unterstützung ist, die sie noch in Teilen der Bevölkerung genießen, können die Podiumsgäste des heutigen Abends viel besser beurteilen als ich. Aber offensichtlich stellen sie ihre Herrschaft über große Teile der Bevölkerung nicht länger über Zustimmung her, sondern über nackte Gewalt.

Auf der anderen Seite verdienen die Iraner – und ganz besonders die Iranerinnen – für ihren Mut, den sie seit Jahrzehnten beweisen, für ihre Hartnäckigkeit, für ihren Kampfgeist unsere allergrößte Anerkennung und Bewunderung. Die Iranerinnen und Iraner sind unterdrückt, aber nicht schwach. Sie bedürfen der Solidarität, nicht des Mitleids.

Der Iran und wir

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Mahtab Yaghma im Gespräch mit Bascha Mika (Mod.) und Daniela Sepehri (Übersetzung). ilb, Haus der Berliner Festspiele, 11.09.2026 | Foto: Ali Ghandtschi

Im Rahmen unserer Möglichkeiten haben wir als PEN Berlin in den gut vier Jahren seit unserer Gründung immer wieder versucht, Solidarität zu zeigen. Mehr noch: Neben der Meinungsfreiheit und dem öffentlichen Raum hier in Deutschland haben wir uns mit dem Iran mehr beschäftigt als mit jedem anderen Land, vielleicht gleichauf mit der Ukraine, der der Solidaritätsabend auf dem ilb im vergangenen Jahr galt.

Schon unsere allererste Veranstaltung im August 2022, eine Solidaritätslesung für Salman Rushdie wenige Tage nach dem Mordanschlag auf ihn, hatte einen Bezug zum Iran. Kurz danach, nach Beginn der Frauen-Leben-Freiheits-Proteste, eröffneten wir die zentrale Bühne der Frankfurter Buchmesse mit einem Podiumsgespräch zum Iran, unter anderem mit Omid Nouripour, den wir auch heute wieder begrüßen dürfen.

Es folgten – ich weiß nicht, wie viele – weitere Veranstaltungen, auch im Rahmen des ilb und zuletzt, im Januar dieses Jahres im Berliner Ensemble. Hinzu kamen Kampagnen für die seinerzeit zum Tode verurteilten Rapper, unsere Ehrenmitglieder Toomaj Salehi und Saman Yasin, sowie für die LGBT-Aktivistinnen und Bloggerinnen Zahra Sedighi und Elham Choubdar. Es folgte die Unterstützung für die Lyrikerin Mahtab Yaghma, die wir mit ihrem damals fünfjährigen Sohn nach Deutschland holen konnten und die seither Stipendiatin des PEN Berlin ist. Es folgten weitere Fälle, in denen wir im praktischsten Sinne des Wortes Solidarität leisteten. Dazu etliche und von den Kolleginnen und Kollegen in deutschen Redaktionen leider nur selten beachtete Pressemitteilungen zu Autoren, Musikern und Aktivisten, die im Iran verhaftet, verurteilt oder getötet worden waren.

Zuletzt für Erfan Mirzaei. Der 21-jährige Rapper nahm Anfang des Jahres an den Protesten in der iranischen Großstadt Isfahan teil, wurde festgenommen, in Haft schwer gefoltert und vergangene Woche ermordet – ob hingerichtet oder durch die Folter getötet, ist bislang unklar. Seit dem Mord an Jina Mahsa Amini, die sterben musste, weil sie ein quadratmetergroßes Stück Unfreiheit in Textilform nicht tragen wollte, hat das iranische Regime Tausende solcher Schicksale produziert – und produziert sie weiterhin.

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Politisches Panel mit Omid Nouripour, Daniela Sepehri, Ali Fathollah-Nejad, Bascha Mika (Mod.). ilb, Haus der Berliner Festspiele, 11.09.2026 | Foto: Ali Ghandtschi

Welche Auswirkungen die militärischen Angriffe der USA und Israels auf den Iran hatten, ob sie das Regime geschwächt oder langfristig gestärkt haben, wird heute Abend sicher noch Thema werden. Ich vermag das nicht zu beurteilen, aber ich glaube: Die Freiheit wird eher nicht von außen herbeigebombt werden. Und ich bin mir sicher: Die Zukunft des Iran entscheidet sich im Iran; sie entscheidet sich an der Frage, ob die Menschen in der Lage sein werden, ihren Protest in eine Revolution zu verwandeln.

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Der Rapper Behrad Alikonari bei seinem Rap-Auftritt. ilb 11.09.2026 | Foto: Ali Ghandtschi

Allerdings weiß ich nicht, ob es in absehbarer Zeit dazu kommen wird. Ob die nächsten Erfans und Jinas aus diesem massenhaft erlittenen Leid die Schlussfolgerung ziehen: »Vielleicht steht am Ende die Freiheit. Aber ich habe nur ein Leben.« Ob sie weiterhin den Mut aufbringen, gegen die Diktatur zu kämpfen, oder versuchen werden, ihr zu entfliehen oder sich in ihr, so gut es geht, einzurichten. Ob am Ende die Freiheit steht und selbst wenn: wann dieses Ende eintritt.

»Versucht einmal, eine Schlacht zu beschreiben, und ihr werdet merken, daß alle diese Taten zusammen so wenig bedeuten und so gestaltlos sind wie eine Träne im Ozean«, heißt es in Manès Sperbers Romantrilogie Wie eine Träne im Ozean, einem der größten – und in Deutschland erst seit kurzem wieder erhältlichen – literarischen Werke des 20. Jahrhunderts, mit dem Sperber Zeugnis ablegt von den großen Aufbrüchen und den blutigen Katastrophen seines Jahrhunderts, von Faschismus und Stalinismus, von den Enttäuschungen, der Trauer und der Heimatlosigkeit der Überlebenden.

Tränen im Ozean

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Solidaritätsaktion auf der Bühne des Festspielhauses, 11.09.2026 | Foto: Ali Ghandtschi

Vielleicht haben unsere heutigen Gäste auf die Frage, ob am Ende die Freiheit steht, zuversichtlichere Antworten. Und auch ich möchte nicht so enden. Denn wir können, so würde Manès Sperber gegen allzu große Hoffnungslosigkeit einwenden, aus derselben Quelle Mut und Hoffnung schöpfen, ohne Illusionen zu verfallen. Wenn wir selbst nicht nur meinen, Antworten zu kennen, sondern Fragen und Zweifel zulassen, können wir vielleicht, hoffentlich, verhindern, dass wir selbst verhärten. Wir können für Freiheit kämpfen, ohne zu wissen, ob die Geschichte auf die Freiheit zuläuft. Wir können die Freiheit verteidigen, wenn wir wissen, dass selbst ein erreichtes Maß an Freiheit wieder geraubt werden kann. Wir können die Freiheit verteidigen, ohne sie vorsorglich abzuschaffen. Und wir können diejenigen unterstützen, die unter ungleich extremeren Bedingungen für die Freiheit kämpfen. Und jene ehren, die in diesem Kampf gefallen sind.

»Baraye hazrate jek zendegiye maamuli« – »Für die Sehnsucht nach einem normalen Leben« heißt es im Song Baraye, dessen Text der Musiker Shervin Hajipour aus Twitter-Kommentaren von Demonstranten zusammensetzte, die ihre Beweggründe geschildert hatten, sich den Protesten anzuschließen. In diesem ohnehin starken Song, der als Hymne des Aufstands durch die Welt ging, erscheint mir diese Zeile als die allerstärkste.

Denn was auf den ersten Blick bescheiden und unprätentiös, vielleicht sogar unpolitisch anmuten mag, ist in Wahrheit das genaue Gegenteil: Ich will ein normales Leben führen! Und ich will das nicht nur für mich, ich will das für alle. Normal nicht im Sinne von: einer Norm entsprechend, sondern als Sehnsucht nach einem Leben mit allen Rechten und Freiheiten, die anderswo als selbstverständlich gelebt werden.

Gerade weil sie so konkret ist, birgt die Forderung nach dem privaten kleinen Glück – und die Verzweiflung an seiner Unmöglichkeit – die größte revolutionäre Sprengkraft. Weil sie so radikal ist. So unversöhnlich. Darum sage ich den letzten Satz nicht in Gewissheit, aber doch in Hoffnung. In der Hoffnung, dass dieser Wunsch nach einem normalen Leben dieses furchtbare Regime eines Tages hinwegfegen wird. In diesem Sinne begrüße ich Sie herzlich zu diesem Solidaritätsabend.

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