Reden
Thea Dorn: »Warum tust du dir das eigentlich an?«

Eröffnungsrede auf dem PEN-Berlin-Kongress »Wer räumt das hier auf?« Säälchen, Berlin, 29. November 2025: »Seit ich mich vor einem Jahr auf das Amt der PEN-Berlin-Sprecherin eingelassen habe, gibt es eine Frage, die mir ständig gestellt wird: »Warum tust du dir das eigentlich an?« […] Ich vermute, Entscheidungen, die den Alltag so dramatisch verändern wie die, die ich vor einem Jahr getroffen habe, haben in aller Regel etwas mit der eigenen Lebensgeschichte zu tun. Trotzdem will ich hier keine autobiographische Nabelschau veranstalten. Denn ich vermute, dass meine Entscheidung ebenso sehr mit allgemeineren Konstellationen der Zeit zu tun hat. Deshalb hoffe ich, dass Überlegungen zu der Frage, warum ein Mensch, der in seinem privaten und beruflichen Leben mehr als genug zu tun hat, sich auf ein kraft- und zeitintensives (ich sage nicht: -raubendes) Ehrenamt einlässt – dass Überlegungen zu dieser Frage von allgemeinerem Interesse sein könnten.« TEXT
Keine Zwillinge, aber Geschwister
Von Alexandru Bulucz

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
ja, das sind wir, und das sollten wir – wiewohl nun in zwei großen PEN-Zentren organisiert! – auch nicht vergessen. Das ist das bestimmende Element unserer Beziehungen, unserer Kollegialität.
Sie feiern an diesem Wochenende das 100jährige Bestehen des deutschen PEN-Zentrums, wozu ich Ihnen als Vertreter von PEN Berlin ganz herzlich gratulieren möchte – im Namen von dessen elfköpfigem Board, dem ich angehöre.
Festrede von A.L. Kennedy: Tut mir leid, dass alles scheiße ist

»Als PEN 1921 in Großbritannien gegründet wurde, waren autoritäre Bewegungen genauso im Aufwind wie heute. (…) Eine Gruppe prominenter Schreibender unternahm etwas, um Autor:innen zu verteidigen – professionelle Lügner:innen, wenn Sie so wollen. Ich glaube, das taten sie wegen der zentralen Wahrheiten unseres Tuns: Alle Menschen sind Menschen, alle haben eine Stimme, die Welt ist kompliziert und braucht Barmherzigkeit, ein gutes Leben findet den Weg, indem es das naheliegende Liebevolle tut. Es klingt schwach, ungewohnt, sogar seltsam, wenn ich es so ausspreche – aber Liebe ist die stärkste Kraft. Es gereicht Großbritannien zur ewigen Schande, dass PEN, würde die Organisation heute gegründet, kräftezehrend kontrovers wäre, als ausländische Seuche verdammt würde, als Beispiel einer selbstherrlichen intellektuellen Elite.« GANZE REDE
Eröffnungsrede von Deniz Yücel: Tätige Verzweiflung oder Behind the Scenes of PEN Berlin

»Auch wenn das oft verwechselt wird, geht der Streit in Deutschland ja zum Glück nicht um die Frage ›Israel-Boykott: ja oder nein?‹, sondern darum, wie man mit Künstlern umgehen soll, die die BDS-Kampagne unterstützen. (…) Weil wir im Zweifel immer dafür sind, Debattenräume so weit wie möglich offen zu halten. Weil die Freiheit des Wortes auch die Freiheit des dummen, des verstörenden, gar des vermeintlich skandalösen Wortes umfasst. Weil wir mit unserem letztjährigen Festredner Ayad Akhtar gegen jedes ›Klima digitaler Einschüchterung‹ sind. Weil wir Cancel Culture nicht nur dann ablehnen, wenn‘s uns gerade in den Kram passt. Aus all diesen Gründen lehnen wir, das Leitungsgremium des PEN Berlin, einen pauschalen Boykott von allem und jedem, der irgendwie als ›BDS-nah‹ etikettiert wird, ab. Und darum lehnen wir auch BDS ab. Ist doch logisch, oder?« GANZE REDE
Zur Verleihung des Jakob-Wassermann-Preises an Eva Menasse

Dankesrede von Eva Menasse zur Verleihung des Jacob-Wassermann-Literaturpreises, 12. März 2023: »Was in Deutschland heute schmerzlich fehlt, ist eine Wahrnehmung für die Vielfalt jüdischer Positionen. Vermutlich war das sogar zu Jakob Wassermanns Zeiten besser. Dass ›die Juden‹ irgendetwas meinen, verbieten wollen oder für antisemitisch halten, ist nämlich unter anderem einfach eine antisemitische Trope. Daran arbeiten leider einige heutige jüdische Meinungsführer mit, die sich durchsetzen wollen, indem sie anderen ihr Jüdischsein absprechen, oder ihr Linkssein, wahlweise auch ihr Deutschgenugsein. Aber vielleicht – wenn ich versuche, optimistisch zu sein – stecken wir einfach mitten in einer Übergangszeit, mit den üblichen schrillen Verwerfungen.« LINK

Rede von Deniz Yücel auf einer Veranstaltung am 30. Januar 2023 in der Frankfurter Paulskirche: »Gerade weil sie so konkret ist, birgt die Forderung nach dem privaten kleinen Glück und die Verzweiflung an seiner Unmöglichkeit die größte revolutionäre Sprengkraft, weil sie so radikal ist, so unversöhnlich. Früher oder später wird dieser Wunsch das Mullah-Regime hinwegfegen, wie lange und blutig sich sein Abwehrkampf noch hinziehen mag. Denn Diktaturen sind zwar meist leider zäher, als es sich Demokraten wünschen. Aber keine Diktatur ist so für die Ewigkeit gemacht, wie es Diktatoren gerne glauben. Irgendwann ist jede fällig. Und die iranische ist kurz davor.« LINK
Ayad Akhtar: Ein Klima digitaler Einschüchterung

Festrede auf dem ersten PEN-Berlin-Kongress, Festsaal Kreuzberg, 2. Dezember 2022: »Obwohl öffentliche Rede in gewisser Hinsicht eindeutig freier geworden ist, befinden wir uns heute in den USA mitten in einem kulturellen Wandel hin zu einem Diskurs voller strafbewehrter Verbote. Die gegenwärtige Identitätspolitik zwingt uns widersprüchliche moralische Landkarten auf, die bestimmen, welche Rede für welche Gruppe akzeptabel ist und welche nicht. Zunehmend macht sich ein Klima digitaler Einschüchterung breit, und mit ihm die Angst, frei zu sprechen oder auch nur frei zu denken. Im Aufstieg begriffen ist zudem eine tiefe, weitverbreitete Intoleranz gegenüber Ansichten, die für inakzeptabel oder sogar ›unmoralisch‹ gehalten werden.« GANZE REDE
Eva Menasse: Meinungsfreiheit − der Kanarienvogel im demokratischen Schacht

Eröffnungsrede auf dem ersten PEN-Berlin-Kongress, Festsaal Kreuzberg, 2. Dezember 2022: »Ich bin davon überzeugt, dass einer Organisation wie dem PEN eine wichtige Aufgabe auch darin zukommt, den Austausch von Schriftstellern gerade aus diesen beiden Ländern nicht versiegen zu lassen. (…) Deshalb sind in Zeiten des Krieges die Gespräche, die nur außerhalb des Kriegsgebiets geführt werden können, ein hohes Gut. Sie weiterhin zu ermöglichen, muss unser Ziel bleiben. Und daher müssen wir immer wieder neu ansetzen, neue Möglichkeiten dafür schaffen, neue Formate. Gerade eine verunglückte Diskussion darf nie ein Endpunkt, sondern muss immer der Ansporn sein, es beim nächsten Mal besser zu machen.« GANZE REDE
Frankfurter Allgemeine, Beitrag von Eva Menasse, 20. Juni 2022: »[Deniz Yücel] ist manchmal laut und polemisch, beides schadet dem typisch deutschen Umgangston nicht, der seine Gemeinheiten lieber wohltemperiert platziert. Er will sie wirklich, die schlagkräftige NGO, die verfolgten Kolleginnen effizient hilft. Aber jetzt, gelöst von den skurrilen alten Darmstädter Fesseln, sind beeindruckend viele, gerade auch jüngere da, die sich mit ihm engagieren wollen. 65 Prozent der Gründungsmitglieder waren noch nie in einem PEN, mehr als ein Drittel stammt aus dem alten.« LINK [€] und PDF
Welt, Beitrag von Herbert Wiesner, 7. Juni 2022: »Der Name Berlins ist Programm. Von hier wurden Kolonien ausgebeutet, zwei Weltkriege und die Shoah geplant, heute steht diese Stadt für Weltoffenheit und Diversität, und nirgendwo leben so viele in ihren Sprachen schreibende Dichterinnen, Schriftsteller verschiedenster Medien, Publizierende und jene, die Texte ins Deutsche oder in andere Sprachen übersetzen. (…) Dieses große Neben- und Miteinander, (…) diese ›Poesie der Weite‹, diese ›Versuchung der Diversität‹ (…) ist der geistige Ort unseres neuen PEN.« LINK [€] und PDF
Deniz Yücel, Rede bei der feierlichen Eröffnung der Tagung des deutschen PEN-Zentrums und anlässlich der Verleihung des Kurt-Sigl-Lyrikpreises am 12. Mai 2022 in Gotha: »Man kann diese Zerrissenheit zwischen ›Nie wieder Krieg‹ und ›Nie wieder Faschismus‹ auch in lyrischen Begriffen darstellen: Wolfgang Borchert oder Paul Celan? ›Sag Nein‹ oder ›Wir schaufeln ein Grab in den Lüften‹?«