Pressemitteilung vom 14. Oktober 2026
Enteignung des türkischen Senders Halk TV: Mit großen Schritten in die Diktatur
Die Erstürmung des Nachrichtensenders Halk TV durch die türkische Polizei am frühen Mittwochmorgen in Istanbul ist mehr als eine »Razzia«, von der in den ersten deutschsprachigen Agenturmeldungen die Rede war. Tatsächlich wurde der Sender unter staatliche Zwangsverwaltung gestellt, also faktisch enteignet. Die Polizei hinderte Mitarbeiter:innen am Betreten des Gebäudes, der Sendebetrieb wurde eingestellt. »Damit bringt das Erdoğan-Regime den reichweitenstärksten regierungskritischen Sender unter seine Kontrolle«, sagte PEN-Berlin-Sprecher Deniz Yücel. »Der nächste verheerende Schlag gegen die Reste von Pressefreiheit in der Türkei, ausgeführt unter den fadenscheinigen Vorwürfen der Bestechung und des Ausschreibungsbetrugs.«
Populär wurde der damals noch amateurhaft anmutende Sender 2013, als er als einziger türkischer Fernsehsender live von den Gezi-Protesten berichtete. Seither hatte sich Halk TV vom Nischen- zum einflussreichen Nachrichtensender entwickelt und sich nach und nach auch von der anfänglich starken Verflechtung mit der Republikanischen Volkspartei (CHP) gelöst.
Halk TV war auch über Satellit zu empfangen und erreichte so auch die nicht-internetaffine Generation. Ein anderer bedeutender regierungskritischer Sender, Tele 1, wurde bereits im Oktober 2025 enteignet; der Chefredakteur Merdan Yanardağ sitzt seither unter abstrusen Spionagevorwürfen in Haft. Und schließlich wurden Ende September die Internetseite und die Social-Media-Accounts des größten unabhängigen Nachrichtenportals T24 gesperrt.
Unterdessen wird die Türkei von einem Börsenskandal größten Ausmaßes erschüttert; im Raum steht der begründete Verdacht, dass die Behörden nicht nur ihre Aufsichtspflicht verletzt haben, sondern dass auch hochrangige AKP-Politiker in diese kriminelle Börsenmanipulation verwickelt sein könnten. Halk TV gehörte zu den wenigen Medien, die über diesen Skandal kritisch berichteten. Die Verhaftungswelle gegen oppositionelle Kommunalpolitiker dauert unvermindert fort. An diesem Mittwoch soll der seit anderthalb Jahren inhaftierte Istanbuler Oberbürgermeister Ekram Imamoğlu vor Gericht aussagen. Halk TV ist einer der wenigen Sender, die regelmäßig über den Prozess berichten.
Erst am Dienstag hatte die Washington-Korrespondentin von Halk TV den US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump gefragt, ob er die Türkei bitten werde, sich an militärischen Maßnahmen gegen die Huthi-Miliz im Jemen zu beteiligen. Dessen Antwort: »Das könnte ich tun. Ich habe großen Respekt vor dem türkischen Präsidenten. Ich denke, Präsident Erdoğan würde tun, worum ich ihn bitte. Ich habe großen Respekt vor ihm.«
PEN-Berlin-Sprecher Deniz Yücel: »Die Türkei bewegt sich in großen Schritten von der Autokratie zur Diktatur. Und in Trumps Antwort steckt ein Teil der Erklärung dafür, warum Erdoğan das kann: Weil ihn niemand davon abhält – weder die türkische Justiz, die er längst zu seinem willigen Repressionsapparat umgeformt hat, noch das westliche Ausland. Und das gilt nicht allein für die USA. Am selben Tag, an dem T24 gesperrt wurde, besuchte der ambitionierte Ministerpräsident von NRW, Hendrik Wüst, die Türkei, wurde von Staatspräsident Erdoğan empfangen und erklärte, man werde ›in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit ein neues Kapitel in den Beziehungen zur Türkei‹ aufschlagen.«
PEN Berlin appelliert an die Bundesregierung, wenigstens so zu tun, als ob sie die Menschenrechte und Grundfreiheiten im Nato-Land und nominellen EU-Beitrittskandidaten Türkei interessieren würden.
PEN Berlin. Wir stehen im Wort.
